Bianca
06.Dezember 2018 | Mein Lipödem

Schublade: FETT. Die Angst vor einem Arztbesuch

Ihr Lieben,

mein Name ist Bianca, ich bin 34 Jahre jung und ein eigentlich sehr fröhlicher, offener und lebensbejahender Mensch. Doch es gibt da etwas, das mich belastet… Meine Beine, besonders meine Oberschenkelinnenseiten kenne ich nur in berührungsempfindlich. Sobald ich mich auch nur leicht stoße, habe ich blaue Flecken. Sobald es etwas kühler wird, kalte Beine, die ich nur mühsam wieder warm bekomme.

Über Jahre hinweg dachte ich, ich bin dick

Weil ich halt dick bin und das dann so ist. Meine Ärzte haben ja nun auch immer nur gesagt, ich solle weniger essen. Dann wird das ja stimmen, das sind ja Ärzte. Jedoch habe ich auch immer gedacht „Aber so viel esse ich doch gar nicht… Warum werden diese Knubbel am Knie immer größer? Die Beine immer dicker? Und fühlen sie sich immer wie Blei an und kurz vorm Platzen?“ Als ich meinem Arzt die Knubbel unterm Knie vor zig Jahren zeigte, sagte er „Das ist ein Lipom. Da kann man nichts machen. Bloß nicht operieren!“ Meine Mama sagte jedoch vor ein paar Jahren „Bianca, du bist nicht fett, das wird ein Lipödem sein.“

Was ist ein Lipödem?

Ich googelte. Und auf einmal sah ich Beine, die wie meine aussahen. Ich sah ähnliche Knubbel unter den Knien und konnte für mich eigentlich alle Punkte, die für ein Lipödem sprechen, direkt bejahen. Aber mein Arzt hatte doch mehrfach gesagt, ich sei einfach zu dick und sollte weniger essen…? Auch andere sagten mir immerzu, „Iss weniger, mach Sport…“.

Meine Mama wusste natürlich, dass ich mich schämte. „Ich begleite dich zu einem Arzt!“ sagte sie. Dann geriet das Thema etwas in Vergessenheit und meine Mama erkrankte 2014 leider an Krebs. Da waren meine dicken Beine erst einmal Nebensache… Nach dem Tod meiner Mama im Januar 2016 hatte ich dann erstmal andere Dinge zu tun, aber dennoch sah und spürte ich sie ja jeden Tag: Meine schmerzenden Beine.

Schamgefühl

Ich schäme mich für meine Beine und meinen Po seit Jahren. Ging nicht ins Schwimmbad, da mir die demütigenden Blicke auf der Straße schon ausgereicht haben. Trug weite Hosen, damit man die Knubbelknie nicht sieht. Auf meiner Lieblingsinsel Sylt traute ich mich kaum ins Meer, weil man dann ja meine wabbelnden Beine sehen würden. Selbst zu Hause lief ich, auch bei heißen Temperaturen nur mit langer Hose herum, obwohl mein Freund immer wieder betont, dass er absolut kein Problem mit meiner Figur hat.

„Deine Beine werden immer schlimmer!“

Sagte mein Freund dann aber auf einmal im Winter 2017. Ich war schockiert, es traf mich ins Herz. Und das obwohl ich wusste, dass er recht hat. Er kannte meine Angst. „Ich geh auch mit dir zum Arzt!“ sagte er. In mir stieg Panik hoch.

Arztbesuch mit Angst

Ich müsste einem Arzt meine Beine zeigen… Es tat mir fast körperlich weh. Obwohl ich so sehr selbst ahnte, dass es dieses „Lipödem“ ist, hatte ich so eine Angst. Aber nicht davor, dass es diese Krankheit ist, sondern vor den Sätzen: „Essen Sie weniger, Sie sind einfach nur fett!“ Wie oft hatte ich das nun gehört? Von wie vielen Leuten, von wie vielen Ärzten? Und nun sollte ich mir das noch freiwillig antun? Ich zögerte.

Ich war schon wegen dem Schamgefühl, der Angst, dem Schmerz von diesem Satz nicht mehr zu meinem Hausarzt gegangen, egal wie erkältet ich war. Doch im April vereinbarte ich telefonisch einen Termin bei einer Phlebologin, allerdings war dieser erst für Januar 2019 terminiert. Bis dahin, so dachte ich, werde ich mir Mut einreden.

Der Fersensporn krempelte dann zufällig mein Leben um

Seit Mitte 2016 plagt mich der Fersensporn in beiden Füßen. Wenn man googelt, was ihn alles beeinflusst, kommt man am Begriff „Übergewicht“ nicht vorbei. Die Folge: Ich habe mich nicht zu einem Arzt getraut. Ich habe schon oft während der Arbeit es vor Schmerzen nicht ausgehalten, mich zu jedem Schritt gequält…

Aber im Mai diesen Jahres hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich liebe spazieren und walken, aber ich konnte nicht! Also vereinbarte ich einen Termin beim Orthopäden. Dort war ich Mitte Juni und ich weiß noch sehr genau, was ich dachte, als mich der Arzt ansah: Schublade: FETT.

Ich war kurz davor, einfach wieder zu gehen. Ich spürte aber die Schmerzen und traute mich doch. Ich setzte mich ihm gegenüber und sollte erzählen, warum ich da bin und berichtete also vom Fersensporn. Der Arzt hörte mir aufmerksam zu und fragte anschließend, ob ich bei Arzt Dr. XY in Behandlung wäre. Ich verneinte und fragte, wofür er denn zuständig sei.

„Sind Sie denn nicht wegen Ihrem ausgeprägten Lip- und Lymphödem in Behandlung?“

Lipödem. Lymphödem. Da waren sie, andere Worte. Diese Worte. Und kein „Sie sind zu fett, essen Sie weniger“.
Der Arzt sah mich an und ich begann zu heulen.

Endlich ein Arzt, der mich richtig wahrnimmt

Ich brauchte ein paar Momente, bis ich wieder sprechen konnte. Er gab mir sofort Tipps, schrieb mir direkt das erste Rezept für die manuelle Lymphdrainage und gab mir eine Überweisung zum Chefarzt der Gefäßchirurgie im ansässigen Krankenhaus. Dieser bietet Therapien für das Lipödem und Lymphödem an. „Fahren Sie am besten heute noch hin.“

Das tat ich auch, nachdem ich im Auto sicherlich eine halbe Stunde geheult hatte. Vor Erleichterung, vor Enttäuschung, vor Scham. Alles. Alles fiel auf einmal ab, diese jahrelange Scham zum Arzt zu gehen. Ich fuhr verheult wie ich war direkt zum Krankenhaus und niemals werde ich vergessen, welch mitfühlende und verstehende Blicke ich in der Station bekommen habe. Ich fühlte mich auf einmal angekommen, verstanden und richtig wahrgenommen.

Adé Schublade: FETT. Willkommen Schublade: chronisch krank.

Die Assistentinnen der Gefäßchirurgie betrachteten meine Beine und sagten direkt, es wäre höchste Zeit zu handeln. Leider konnte ich keinen Termin mehr vereinbaren, doch man versprach mir, meinen Namen direkt weiterzugeben, so dass ich einen raschen Termin bekommen würde. Und tatsächlich, ich rief am nächsten Tag an und bekam für 5 Tage später einen Termin beim Chefarzt der Gefäßchirurgie.

„So ein ausgeprägtes Lipödem habe ich lange nicht gesehen.“

Das war der Satz, den der Chefarzt mir mit als erstes sagte. „Hat Sie denn kein Arzt darauf hingewiesen? Das ist doch offensichtlich.“ Er tastete meine Beine ab, machte Ultraschall-aufnahmen und wir vereinbarten direkt einen Termin zur stationären Entstauungstherapie – endlich würde mir geholfen werden! Dieses Gefühl war so großartig!

Warum dies als mein 1. Blogeintrag?

Weil ich damit nur sagen möchte: Bitte – B I T T E ! – traut euch, einen Arzt aufzusuchen. Lasst euch nicht von der „Schublade: FETT!“ abhalten, wartet nicht so lange wie ich. Gebt zur Not verschiedenen Ärzten eine Chance. Ich habe Lipödem Stadium III und Lymphödem in Form von Elephantiasis – das ist wohl die Quittung.

Sicherlich bin ich selbst auch daran Schuld, weil meine Scham einfach zu groß war und ich nicht zu einem Facharzt gegangen bin. Aber auch viele Ärzte, die ich in den letzten 15-20 Jahren wegen anderer Dinge besucht habe. Daher: Lasst es nicht erst so schlimm werden wie bei mir. Bitte traut euch, ich möchte es euch so sehr ans Herz legen!

Positive Veränderung seit der Diagnose Lipödem

Ich weiß, es liegt noch ein langer und beschwerlicher Weg vor mir, aber den werde ich gehen. Warum ich mir da so sicher bin? Meine Mama hat mir sehr oft gesagt, dass sie meine Zielstrebigkeit bewundert und mir dies im „Mama - erzähl mal Buch“ sogar als meine beste Eigenschaft niedergeschrieben.

Und auch, wenn meine Mama und mein Papa nur von ihrer Wolke aus zusehen können, so weiß ich, dass sie an mich glauben. Und ich tue es auch.

Bitte, tut ihr es auch! Ich werde euch auf meinem Weg gern mitnehmen, bis bald!

Eure Bianca

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5 Kommentare
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Ingrid

Hallo Bianca,
was für ein Weg. Und leider keine Ausnahme. Meine Beine sind nicht ganz so heftig, aber die Scham sich in Badekleidung zu zeigen, kennen die meisten Betroffenen. Jahrelang habe ich mich nur an der Hand meines Mannes ims Schwimmbad getraut. Da haben er und die Kinder aber schon einen Überredungsmarathon hinter sich gehabt. Irgendwann dachte ich mir dann, dass ich ka ohne Brille dort bin und ich die Gesichter der anderen gar nicht sehen kann. Das hat mir anfangs geholfen und inzwischen kennen mich die .Mitschwimmer und die Gaffer ignoriere ich erhobenen Hauptes. Fragen wegen der Kompression in der Umkleide beantworte ich geduldig. Als eine Art Aufklärung.
Auch bei mir war es der Orthopäde, der sagte, sie sind krank. Der Hausarzt meinte zu meinem Mann, nachdem unsere Tochter die Liposuktionen hat machen lassen, dass seine Frauen ja Geld wie Heu haben müssten, wenn sie sich operieren lassen. Er sagte nur, nein, aber starke Schmerzen! Ich liebe ihn, und bewundere seine Entscheidung, einige Jahre einen Kredit abzuzahlen für meine "Rundumsanierung". Haus bezahlt, Frau noch nicht!
Einen riesigen Dank und Anerkennung die die Männer, die mit uns kämpfen.
Dir und allen anderen zolle ich Respekt und bewundere die Offenheit, mit der ihr damit umgeht. Die Offenheit und Selbstverständlichkeit mit der ihr euch kleidet, ist ein Vorbild für mich und macht mich mutiger, mich in der Kleidung nicht zu verstecken und die Kompression als normales Kleidungsstück zu sehen, habe ich euch abgeschaut.

Vielen Dank an Dich und alle anderen Kämpferinnen. Ich wünsche allen viel Kraft für den Kampf.

Viele liebe Grüße
Ingrid (Instagram: mamahauke)

am 07.12.2018 | 06:38
Christina_Rick

Liebe Bianca, du bist ein ganz besonderer Mensch. Ich hoffe, dass ich dich bald mal persönlich treffen kann. Dein Beitrag ist berührend.

am 06.12.2018 | 22:31
Renate

Liebe Bianca, ich freue mich für dich, dass du jetzt Hilfe bekommst!
Bei mir ist das Lipödem noch nicht so ausgeprägt, aber ich bekomme vom Hausarzt auch nur zu hören, dass ich weniger essen soll und mehr Sport machen! Ich esse auch normal und reite meistens 3-4 Mal pro Woche. Durch das Lesen im Internet bin ich auf die Krankheit Lipödem gestoßen. Ich habe jetzt ca.alle 14 Tage Lymphdrainage und trage Kompressionsstrumpfhosen. Ich komme am besten mit Leggings zurecht. Da sind die Füße nicht so eingeengt. Ich bin 64 Jahre und wiege 70 Kg bei 1,60m.
Ich habe auch das Problem, dass ich weder ins Schwimmbad gehen mag und auch nicht an den Strand! Dabei liebe ich es, den Tag am Strand zu verbringen. Nach Sylt fahren wir einmal im Jahr für einige Tage und ich krempel höchstens die Hosen hoch bis zur Wade! Aber vielleicht traue ich mich nächstes Jahr, einen Badeanzug zu tragen! Meine Oberarme sind auch extrem dick und ich trage nur T-Shirts mit 3/4 Ärmeln!
Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Behandlung!
Liebe Grüße!

am 06.12.2018 | 13:11
Heidi

Liebe Bianca- Du sprichst mir aus der Seele .. musste auch schmunzeln - hab auch immer Knubbelknie zu meinen Knien gesagt ...meine Beine sehen genauso aus wie Deine .. Ich drück Dich mal ganz fest und Danke Dir für den tollen und ehrlichen Bericht! Liebe Grüße Heidi

am 06.12.2018 | 10:39
Gaby

Hallo ihr Lieben..... Ich hab nun auch schon seit fast 20 Jahren diese Diagnose.... Es ist immer noch schlimm bei manchen Ärzten wenn sie einen Bericht schreiben... Adipositas..... Da werde ich immer wütend.... U Kampf um Lymphdrainage mit Hausarzt... Hab jetzt von Kasse Bescheinigung für lebenslang Lymphdrainage.... Ich kann Kompression nicht mehr tragen... Kann sie nicht mehr anziehen.. Schwere Arthrose in den Händen u Armen... Falls mir die jemand anziehen würde.... Würde ich es nicht mehr aushalten.... Bekomme Panikattacken..... Jetzt mach ich Lymphdrainage und gehe so oft es geht zum Aquajoggen.... So halte ich Schmerzen u Schwellung in Schach.... Bin mittlerweile so, daß ich bei Arzt widerspreche wenn Übergewicht u abnehmen auf den Tisch kommt.... Wir sind stark wir schaffen das

am 06.12.2018 | 13:02

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