Bianca
16.April 2020 | Mein Lipödem

Wie ich als (Fast-) Nackedei im Regen mein Selbstbewusstsein wieder fand

Am 16. März 2019 waren es um die 6 Grad, es nieselte und war windig.
Und doch hatten ca. 35 Lipödemmädchen inkl. meiner Wenigkeit nichts Besseres vor, als in Hannover im Georgengarten in Unterwäsche, Badeanzug oder Bikini herumzulaufen.
Melanie Grabowski hatte zu einem Shooting für Lipödembetroffene eingeladen. Thema „Lipödem ist ein Arschloch“. Wir wurden sogar von einem TV-Team von FrauTV begleitet, soo aufregend!

Foto: Melanie Grabowski

Dresscode: Unterwäsche + 1 Schirm

Die Vorgabe war schwarze Unterwäsche/Bikini oder Badeanzug und, quasi Merkmal des Shootings, ein Regenschirm mit Stinkefinger. Deutlicher kann man dem Lipödem nicht sagen, dass es ein A***loch ist!
Wir Mädels waren MEGA aufgeregt… Als es dann hieß, „nackig machen“, stieg die Nervosität nochmal um ein Vielfaches.
„Oh je, jetzt ausziehen, was sollen die anderen denken?“ schoss mir - Stadium 3 - durch den Kopf. Aber sie legte sich dann doch ganz schnell. Warum? Weil unsere Körper auf einmal unter Gleichgesinnten nichts besonders Auffälliges mehr waren. Wir waren alle aus dem einen Grund da: Lipödem.

I’m singing in the rain

Es gab große und kleine Gruppenshootings und auch Einzelshootings. Wie schaut man, was macht man, wie zeige ich mich? Das denkt man vorher. So auch ich.
Doch als ich vor dem alten knorrigen Baum stand, fiel mir erstmal nichts ein. Einfach nur Schirm hochhalten? Hmm. Melanie rief dann „Mary Poppins“ und jaaa, das gefiel mir!! Versucht grazil trotz Regen, Wind, Kälte, Schmerzen, reckte ich meinen Arm mit dem Schirm in die Höhe und dachte mir genau in dem Moment: „Lipödem, du kriegst mich nicht klein! NIEMALS!“

3 Stunden bibbern

Bei der Menge an Lipödemmädchen verbrachten wir rund 3 Stunden mit Ausziehen und nach dem Knipsen schnell wieder anziehen… 6 Grad und Regen sind sehr sehr sehr kalt…!!
Dann waren alle Bilder im Kasten und die Truppe löste sich langsam wieder auf. Auf der Fahrt nach Hause merkten wir, wie uns dieser Tag zum einen emotional, aber auch körperlich mitgenommen hatte (Danke an den Erfinder der Sitzheizung!). Abends in meiner Story auf Instagram merkte ich, was ich an diesem Tag eigentlich geleistet hatte, auch wenn ich das Bild von mir von Melanie noch nicht gesehen hatte.

Endlich! Melanie hat ein Foto für mich!

Ich bekam dann wenig später das Bild von mir. Ich war überwältigt. Wenn ich mich selbst anschaue dann sehe ich, wie sehr ich aufgeblüht bin, wieviel Kraft und Mut ich in den letzten Wochen und Monaten trotz aller Widrigkeiten gewonnen habe und wie glücklich mein Lächeln ist.
Es ist eine kleine Momentaufnahme, aber sie zeigt genau das Lächeln, um das ich so oft gekämpft habe.
MEIN Lächeln, das ich nie verlieren wollte und mir immer wieder erkämpft habe.
Ich habe das Gefühl, ich bin nach vielen Jahren Suche endlich bei mir angekommen. So empfinde ich dieses Bild. Ich schaue es mir an und habe Tränen in den Augen, weil ich weiß, wie lang, hart und steinig der Weg bis genau hier hin war und immer wieder sein wird.

Über mich hinausgewachsen

Das Shooting hat mir gezeigt, wie mutig ich sein kann und welche Stärke in mir steckt. Auf einmal zeige ich genau das, was ich jahrelang versucht habe zu verstecken.
Auf einmal steht das, was mir über viele Jahre viele erniedrigende und demütigende Sprüche und Blicke gebracht hat, im absoluten Mittelpunkt. Es wühlt mich nach wie vor auf, da es so unfassbar groß war. Ich bin, wie viele andere, über mich hinaus gewachsen.

Ich habe innerlich allen, die mir die letzten Jahre diese vernichtenden Blicke zugeworfen haben, die mich mit fiesen Sprüchen verletzt haben, den Mittelfinger gezeigt.
Ich habe genau denen den Mittelfinger gezeigt, die mich so oft zum heulen gebracht haben, die mich so gequält haben, die mich immer nur nach meinen Beinen und Po verurteilt haben und es immer noch tun… Ich bin verdammt stolz auf mich, dass ich den Mut gefunden habe, meine Beine, meinen Po, meine Arme - kurz: MICH - nicht mehr zu verstecken!!! Ich bin bei mir angekommen und ihr seht es auf dem Foto - ich bin sooo happy!!!

Danke Melanie Grabowski!

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1 Kommentare
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Silke aus Mainz

Das hast du unfassbar schön geschrieben. Ich verdrück hier ein paar Tränchen und ja, Du kannst stolz auf dich sein.
Wir alle wollen nicht diese Beine und Arme und diese Schmerzen, aber wir sind so viele und endlicht tut sich was, immer mehr Leute wissen, dass wir gar nichts dafür können, dass unsere Beine so mächtig werden.
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am 16.04.2020 | 11:57

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