Christina
30.August 2019 | Mein Lipödem

Starke-Frauen-Friday: Liposuktion bei Lipödem (Podcast)

Meine erste Liposuktion liegt noch keine vier Wochen zurück. Es ist zu früh, um ein Fazit ziehen zu können. Aber ich kann ein paar Fragen, die mir auf Instagram unter meinem Profil Christina_Rick zu dem Thema gestellt werden, beantworten und ich kann vielleicht auch ein paar Tipps, aber auch Impulse zum Nachdenken geben. Mit Natalie vom Lipödem-Podcast habe ich eine neue Podcastfolge zum Thema Liposuktion für Euch aufgenommen.

Warum habe ich mich für die Liposuktion entschieden?

Wenn man mich vor der OP gesehen hat, ich wog ca. 60 kg bei 158, trug Größe 36/38, durfte man zu Recht die Frage stellen, wo da überhaupt Fett abgesaugt werden soll. Bei genauerem Hinsehen allerdings, ja gut, die Waden waren schon recht kräftig und die Reiterhosen im Ansatz erkennbar, aber deswegen eine so aufwändige OP auf sich zu nehmen? Das kann meiner Meinung nach nur mit der Hoffnung auf Schmerzreduktion gerechtfertigt werden.

Schmerzen trotz disziplinierter konservativer Therapie

Ich habe mich für die Liposuktion nach der PAL-Methode in Vollnarkose entschieden, weil mich die Schmerzen zermürben. Das Therapie-Programm, das ich seit Jahren absolviere, um die Krankheit einzudämmen und den Schmerzen zumindest für ein paar Stunden zu minimieren, ist ausufernd: jeden Tag, ausnahmslos, trage ich die Flachstrickkompression. Seit sechs Jahren gehe ich zweimal die Woche 60 Minuten zur manuellen Lymphdrainage. Ich pflege meine Haut, indem ich sie jeden zweiten Tag gut eincreme. Ich achte darauf, dass ich mich jeden Tag in der Kompression bewege bzw. sportlich betätige, sei es Nordic Walking oder Radfahren. Einmal in der Woche trainiere ich seit einigen Jahren Aquajogging. Ich ernähre mich ausgewogen. Und trotzdem kommen der Schmerz und die Erschöpfung jeden Tag. Das ist frustrierend und erschöpfend.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten bei Lipödem

Sicherlich frage ich mich selbst, ob ich nicht noch weitere Behandlungswege hätte ausprobieren können, bevor ich meine Familie und mich mit dieser großen Operation belaste. Ich denke dabei nicht nur an die hohen Kosten, sondern auch an den organisatorischen Aufwand, den eine Familie hat, wenn ein Mitglied für drei oder mehr Wochen ausfällt. Wer holt das Kind ab und betreut es? Wer kocht, wäscht und putzt?
Es gäbe ja noch eine Handvoll alternative Behandlungsmethoden: medikamentöse Schmerztherapie, Taping, Eiskammer, Hypoxi-Kammer, Blutegel-Therapie, Steinklee, Kurkuma, Low Carb, Low Fat, Ayurveda etc. Aber ich bin ehrlich, mir fehlte die Kraft diese, zum Teil vielversprechenden, Ansätze auszuprobieren.

Der Weg zur Liposuktion

Während ich im Netz immer wieder lesen muss, dass frisch diagnostizierte, verzweifelte Frauen in Lipödem-Communitys nach Operateuren in ihrer Region fragen, bevor sie jemals eine Flachstrickkompression getragen haben, habe ich lange gebraucht, um mich mit dem Gedanken anzufreunden. Liposuktionen, Fettabsaugungen waren für mich Schönheits-OPs für oberflächliche Frauen mit geringem Selbstwert. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Mein Weg war ja auch lange anders. Ich habe den konservativen Therapieweg eingeschlagen und meiner Meinung nach auch ziemlich erfolgreich beschritten. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass Kompressionsstrümpfe helfen, dass manuelle Lymphdrainage funktioniert. Nun gut, dennoch kommt man an dem Thema „operative Therapie bei Lipödem“ kaum vorbei. In den sozialen Netzwerken berichten viele Frauen positiv, enthusiastisch, ja schon fast missionarisch von ihren erfolgreichen Operationen. Doktoren werden mit selbstgebastelten Collagen und Gebäck medienwirksam beschenkt und als diejenigen geehrt, die ein neues, schöneres, schmerzfreieres Leben ermöglicht haben.

Man merkt, ich bin und bleibe auch nach der OP kritisch

Das liegt hauptsächlich an zwei Dingen: ersten habe ich immer noch und zwar größere und dauerhafte Schmerzen – vermutlich ganz logisch vier Wochen nach der OP. Und zum anderen kenne ich Frauen, die das Pech hatten, an den falschen Arzt geraten zu sein oder vielleicht an den richtigen Arzt, aber auch dem kann auch mal ein Fehler passieren. Das ist menschlich. Diese Frauen, die ich bei meinen Aufenthalten zur KPE, der komplexen Entstauungstherapie  persönlich kennenlernte, haben ein einseitiges Lymphödem von der OP davon getragen. Bei einer Frau, die kein Lymphödem bekam, hielt der Effekt der OP nur ein paar Jahre an und kam mit den zwei Schwangerschaften wieder. Vermutlich sind das nur Einzelfälle.
Wie ging mein Weg also weiter? Der Zufall ergab, dass im Herbst 2017 einer der namhaften Operateure in meiner Heimatstadt München eine Informationsveranstaltung Rund um das Thema Lipödem organisierte. Die kostenlose Veranstaltung lockte auch mit Vortragsthemen, die nichts mit der OP zu tun hatten. Freilich hörte ich mir aber trotzdem auch den Vortrag des Operateurs an. Im Nachgespräch am Ende der Veranstaltung nahm sich der Arzt Zeit und plauderte mit mir. Mein negatives Vorurteil des geldgierigen Chirurgen begann zu bröckeln.

Ich interessierte mich immer mehr für das Thema

In der Folgezeit verfolgte ich die Berichte anderer Lipödembetroffener in den sozialen Netzwerken immer interessierter. Während mein Fokus anfangs auf Mode mit Kompression lag, las ich jetzt auch, was die Operierten bewegte. Im September 2018, also ein Jahr nach der ersten Info-Veranstaltung, hatte ich ein Beratungsgespräch. Der Operateur nahm sich extrem viel Zeit, das war positiv, aber ich war noch zu skeptisch. Dennoch reichte ich im Dezember 2018 einen Antrag bei meiner Versicherung ein. Ich war zuvor natürlich bei allen beteiligten Ärzten und ließ mir Arztberichte mit der medizinischen Indikation für die Liposuktion ausstellen. Auch die Amtsärztin befürwortete die OP, um meine Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Ich hoffte, dass der Dezember, also Erkältungszeit, gepaart mit den Weihnachtsfeiertagen dazu führen würde, dass der Ablehnungsbescheid verspätet (also nach 4 Wochen) kommen würde, sodass ich zusammen mit einer kompetenten Anwältin eine fiktive Genehmigung herausholen könnte. In Wirklichkeit kam es anders und die Genehmigung lag binnen weniger Wochen im Briefkasten. Bevor jetzt alle Leserinnen aufschreien: die Genehmigung ist bei mir nicht gleichbedeutend mit der vollständigen Kostenübernahme. Was für mich persönlich schlimm war, ist, dass mir bis heute kein Sachbearbeiter meiner Versicherungen genau voraussagen konnte, wie hoch die Rückerstattung werden wird, denn der Betrag für die OP muss zwei Wochen im Voraus überwiesen sein. Die Erstattung folgt bei mir aber erst Wochen später. Ich gehe davon aus, dass es in etwa die Taxifahrt zur Münchner Klinik decken wird; zum Glück konnte ich mit der S-Bahn zur Klinik (ha ha). Das Thema der Arzt-, Krankenhaus- und OP-Kosten ist ein eigenes, sehr spezielles Thema. Ich denke aber, dass man irgendwann bei der Beschäftigung rund um das Thema Liposuktion an den Punkt kommen wird, an dem man sagen wird, die Option auf ein schmerzfreies Leben ist mir mehr wert als die Schuldenfreiheit.

Mit der Genehmigung im Gepäck ging ich dann im Februar 2019 zu einem weiteren Beratungsgespräch. Dieses Gespräch überzeugte mich und über Nacht fiel die Entscheidung für den Operateur. Ich war mit einem Schlag erleichtert. Als ich allerdings den OP-Termin vereinbaren wollte, kam die große Enttäuschung: bei dem Operateur meiner Wahl betrug die Wartezeit 14 Monate.
Als ich dann glücklicherweise Ende Juli 2019 in eine OP-Lücke springen konnte, reichte mir fast die Vorbereitungszeit nicht aus. Am Ende ging alles dann doch wahnsinnig schnell.

Tipps zur Liposuktion bei Lipödem

Und jetzt knappe vier Wochen nach der ersten OP kann ich euch noch folgende Tipps geben:

  1. Man sollte täglich duschen. Die ersten Tage im schnell trocknenden OP-Mieder, danach ohne Kompression. Aber Obacht! Der Kreislauf muss darauf vorbereitet werden!
  2. Ihr solltet einen Termin im Sanitätshaus vereinbaren. Der Termin liegt – wie immer – idealerweise am Vormittag und zwar nach der Lymphdrainage. Der Schwellhöhepunkt sollte schon ein paar Tage zurückliegen. Ab der dritten Woche kann die Sanitätshausmitarbeiterin auch auf wieder einigermaßen auf Zug messen; vorher ist man doch sehr berührungsempfindlich.
  3. Für die erste Woche ist es zwingend notwendig „privates Pflegepersonal“ in Form von Ehemann, Freund, Mama, Papa, Opa, Oma, Nachbarn etc. und ggf. Kinderbetreuung zu organisieren. Ihr braucht jemanden, der zur Sicherheit in der Nähe ist, wenn ihr duscht. Es muss euch aber auch jemand zur Lymphdrainage fahren.
  4. Es entlastet die Familie, wenn man vorgekocht hat und Essen eingefroren hat.
  5. Den Zeitraum rund um die OP würde ich von sonstigen Terminen frei halten, z.B. TÜV fürs Auto schon vorab erledigen.
  6. Traubenzucker und Wasserflaschen in allen Räumen sind hilfreich, um im Notfall den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen.
  7. Der Hausarzt sollte über die OP informiert sein.
  8. Die Passform des OP-Mieders ist nicht so ideal wie die der Flachstrickkompression. Die Nähte des Mieders können zum Beispiel im Sprunggelenksbereich einschneiden. Hier können verschiedene Einlagen zwischen Naht und Haut eingeschoben werden, damit benötigt man sicher weniger Schmerzmittel
  9. Nach drei Tagen OP-Mieder wechselte ich – unter vorheriger Einnahme einer Schmerztablette - in die alte Flachstrickkompression. Nachts trage ich eine Kompression, die an den Zehen offen ist.
  10. Da die Haut in den ersten sechs Wochen quasi ständig eingepackt ist, ist die Hautpflege extrem wichtig. Jeden Abend creme ich meine Füße mit einer speziellen Fußcreme ein und die Beine mit einer Bodylotion.
  11. Um die Beine hoch zu lagern, genügen Kissen, ein extra Venenkissen oder einen Lymphkeil braucht man meiner Meinung nach nicht. Ebenso habe ich keine Kühlpads benötigt, weil mir oft zu kalt war – im August 2019.
  12. Wer keine Eisentabletten einnehmen möchte, kann mit seinem Hausarzt über alternative Möglichkeiten sprechen. Es gibt auch Säfte, z.B. Kräuterblut, die allerdings die Zähne verfärben. Manche Lebensmittel, z.B. getrocknete Aprikosen, Blaubeeren und Zwiebeln gelten als besonders gut nach der OP, um die Eisenbildung anzuregen bzw. Entzündungen zu hemmen.

Ich wünsche dir, dass du den für dich richtigen Weg findest. Lass dich nicht unter Druck setzen. Nimm dir ausreichend Zeit. Und sei am Ende überzeugt davon, dass du den für dich richtigen Weg eingeschlagen hast.

Und falls du den OP-Weg wählst, wünsche ich dir die Gelassenheit und die Möglichkeit am Tag vor der OP noch etwas Wunderschönes zu machen, für dich alleine oder zusammen mit deinen Lieblingsmenschen, denn das ist das, was glücklich macht.

Den Link zur neuen Folge vom Lipödem-Podcast mit Natalie vom Lipödem-Podcast findest du hier!

Deine Christina

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1 Kommentare
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Silke

Liebe Christina,
ich wünsche Dir alles Gute! Ich hoffe, es ist und bleibt alles erfolgreich und die Schmerzen sind weg oder zumindest weniger.
Ich hab auch im ersten Moment beim Lesen gedacht: Echt? Sie hat sich operieren lassen? Da ich ja weiß, dass du echt eine tolle Figur hast. Aber ich kann dich gut verstehen, ich denke auch immer öfter darüber nach und denke, das wird auch irgendwann mein Weg sein.
Auf jeden Fall sind hier alle Daumen gedrückt, dass Du dadurch weniger Schmerzen, mehr Zeit für andere Dinge und einfach ein besseres Leben hast.
GLG Silke

am 04.09.2019 | 15:28

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