
Liebe Leserin, lieber Leser,
mein Spiegel zeigt nicht immer, wie ich mich fühle. Mit Lipödem verändert sich nicht nur der Körper, sondern oft auch der Blick auf sich selbst. Das Spiegelbild kann Fragen, Unsicherheiten und manchmal auch Frust auslösen. Besonders schwer fällt es mir, wenn Veränderungen kommen, ohne dass ich sie klar einordnen kann. Um diesen Zwiespalt soll es heute gehen und wie ich damit umgehe.

Manchmal weiß ich nicht ob das, was ich wahrnehme, ein Schub ist, zyklusbedingt oder einfach ein schlechter Tag. Schmerzen, Druckgefühl oder veränderte Umfänge lassen mich oft zweifeln: Bilde ich mir das ein oder ist da wirklich etwas passiert? Ich ernähre mich doch ausgewogen, gehe zum Sport, achte auf Stress. Warum verändern sich meine Umfänge trotzdem?
Dieses ständige Hinterfragen fühlt sich für mich unglaublich zermürbend an. Es fühlt sich manchmal an, als würde ich alles „richtig“ machen und trotzdem reagiert mein Körper anders, als ich es mir wünsche oder erwarte. Ich hab das Gefühl, als könnte ich es nur falsch machen. Das macht etwas mit meinem Selbstbild. Mit dem Vertrauen in meinen eigenen Körper und irgendwie auch mit dem Vertrauen in mich selbst.

Was viele vielleicht nicht erwarten: Die Liposuktionen haben mein Gedankenchaos nicht gelöst – im Gegenteil. Am Anfang wurde es sogar stärker. Ich hatte mich über Jahre an Schmerzen, Druckempfindlichkeit und blaue Flecken gewöhnt. Wenn ich mich irgendwo angestoßen habe, tat das oft unfassbar weh. Blaue Flecken kamen schnell und ohne erkennbaren Grund und ich musste lernen zu akzeptieren, dass eine neue Einschränkung vielleicht wieder dazukommt.
Als diese Schmerzen plötzlich weniger wurden, war das erstmal … komisch. Fast irritierend. Ich musste mich neu an meinen Körper gewöhnen. Daran, dass ein Stoß nicht mehr automatisch starke Schmerzen bedeutet. Daran, dass mein Körper sich anders anfühlt als vorher. Auch das kann verunsichern, selbst, wenn es eigentlich etwas Positives ist.
Deswegen befinde ich mich noch immer in einem Prozess, indem ich versuche mich selbst neu zu finden, mich neu anzunehmen und irgendwie auch mit dem neuen Spiegelbild Frieden zu schließen. Ich glaube, dass ist die größte Schwierigkeit. Frieden mit sich, der Krankheit und dem Spiegelbild zu finden. Sich selbst und seinem Körper Gehör zu schenken, ohne zu schnell in Panik zu verfallen.

Mein größtes Learning mit Lipödem?
Akzeptanz ist kein Punkt, den man einmal erreicht und dann abhakt. Es ist ein Prozess. Ein immer wieder neues Annehmen von Veränderungen, von Unsicherheiten, von Phasen. Phasen, in denen es leichter fällt und Phasen, in denen man keine Lust mehr hat. Gib dir den Raum für Beides.
Mir hilft es sehr, meine Gedanken aufzuschreiben. Ganz egal, ob als Notiz auf dem Handy oder klassisch auf Papier. Manchmal erkenne ich dadurch Muster: Wann geht es mir mental besser? In welchen Phasen bin ich besonders kritisch mit mir? Was triggert meine Unsicherheiten? Was triggert eigentlich mein Lipödem? In manchen Zyklusphasen versuche ich mich daher nicht so ernst zu nehmen und die Panik nicht so zuzulassen.
Fotos und Videos von mir helfen mir, um meinen Körper über einen längeren Zeitraum realistisch wahrzunehmen. Nicht nur das Gefühl von „Es ist alles schlimmer geworden“, sondern auch die Momente, in denen sich vielleicht gar nicht so viel verändert hat, wie mein Kopf mir sagt. Auch die kleinen Erfolge zu feiern, wenn man Muskeln erkennen kann oder mal in einem Kleid wunderschön aussieht.
Haltet insbesondere die guten Momente fest, mit denen ihr euch in schlechten Zeiten motivieren könnt.

Was mir ebenfalls unglaublich viel gibt, ist der Austausch mit anderen Betroffenen. Zu merken: Ich bin nicht allein mit diesen Gedanken. Zu wissen: Andere haben ähnliche Gedanken und kennen meine Unsicherheiten. Jemand, der dieses Gefühl von „Mein Körper verändert sich – und ich komme emotional kaum hinterher“ kennt. Das nimmt mir den Druck und es hilft mir, dass ich sensibler mit mir umgehe. Schließlich würde ich doch zu meinem Lipogirl auch viel liebevoller sein. Also wieso nicht zu mir selbst? Es erinnert mich daran, dass meine Erfahrungen real sind, auch wenn sie nicht immer messbar sind und dennoch für jede von uns anders.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Du musst nicht jeden Tag perfekt akzeptierend sein. Es reicht, wenn du dir erlaubst, ehrlich mit dir zu sein.
Wie geht es dir damit? Hast du schon jemanden kennengelernt, der dich dahingehend gut unterstützen kann?
Deine Jenny
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