
Liebe Leserin, lieber Leser,
Meetings, Entscheidungen, Verantwortung und darunter Kompression.
Für viele Frauen mit Lipödem gehört genau das zum Berufsalltag. Auch bei mir.
Ich arbeite in einer Führungsposition in einer Bank, leite Teams, sitze in Besprechungen, halte Präsentationen und treffe Entscheidungen. Von außen betrachtet sieht mein Berufsalltag vermutlich ganz „normal“ aus. Was viele dabei nicht sehen: Unter meinem Outfit trage ich täglich Kompression. Und lange Zeit hatte ich genau davor Angst.

Als ich meine Diagnose Lipödem bekam, war eine der ersten Fragen, die mir durch den Kopf ging: Wie soll das eigentlich im Berufsleben funktionieren?
Kompressionsstrümpfe im Büro?
Unter einem Business-Kleid?
Bei Terminen, Veranstaltungen oder wichtigen Meetings?
Ich hatte Sorge, dass es auffällt. Dass jemand fragt. Dass ich erklären muss.
Gerade in einem Umfeld, in dem Professionalität und Auftreten eine große Rolle spielen, möchte man nicht unbedingt über eine chronische Erkrankung sprechen.
Viele Frauen mit Lipödem kennen dieses Gefühl: Man möchte einfach funktionieren. Leistungsfähig sein. Souverän wirken.
Und gleichzeitig begleitet einen der eigene Körper jeden Tag. Schwere Beine. Druckschmerzen. Schwellungen.
Kompression ist dabei kein modisches Accessoire, sie ist ein medizinisches Hilfsmittel, das den Alltag überhaupt erst möglich macht.
Trotzdem habe ich mich lange gefragt: Sehen das andere? Fällt das auf?
Heute weiß ich: Die meisten Menschen achten viel weniger darauf, als wir selbst denken.

Mittlerweile gehört meine Kompression genauso zu meinem Alltag wie mein Laptop oder mein Handy. Ich habe gelernt, sie selbstverständlich in meinen Berufsalltag zu integrieren:
– unter Kleidern
– unter Hosenanzügen
– bei langen Arbeitstagen
– auf Veranstaltungen oder Reisen
Und ehrlich gesagt: Sie hilft mir, leistungsfähig zu bleiben.
Denn gerade lange Tage im Büro, viele Termine oder längeres Sitzen können für Menschen mit Lipödem eine echte Herausforderung sein.
Ein wichtiger Schritt für mich war, das Thema nicht mehr verstecken zu wollen. Ich spreche nicht ständig darüber, aber ich verstecke es auch nicht mehr.
Lipödem gehört zu meinem Leben. Es definiert mich nicht, aber es ist ein Teil meiner Geschichte. Und ich habe gemerkt: Je selbstverständlicher ich damit umgehe, desto weniger Raum nimmt die Unsicherheit ein.

Wenn ich heute einen Wunsch hätte, dann diesen: Dass wir Frauen mit Lipödem aufhören, uns zu verstecken.
Dass wir aufhören zu glauben, wir müssten uns erklären oder entschuldigen für unseren Körper, für unsere Kompression oder für eine Erkrankung, die wir uns nicht ausgesucht haben.
Lipödem bedeutet nicht, dass wir weniger leistungsfähig sind. Es bedeutet nicht, dass wir weniger stark sind. Und es bedeutet ganz sicher nicht, dass wir unsere Ziele kleiner denken müssen.
Wir können Karriere machen.
Wir können sichtbar sein.
Wir können Verantwortung übernehmen.
Mit Kompression. Mit Lipödem. Mit unserem eigenen Weg.
Und vielleicht hilft genau diese Offenheit auch anderen Frauen: zu sehen, dass sie nicht allein sind und dass ein erfülltes, aktives Berufsleben absolut möglich ist.
Denn manchmal liegt die größte Stärke genau darin, aufrecht durchs Leben zu gehen auch mit Kompression unter dem Business-Blazer.
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4 Antworten
DANKE für deine ehrlichen Worte und ja, genau das trifft es: man möchte sich nicht “outen” im Berufsalltag… Klasse, dass du es gewagt hast und das hier mit uns teilst!!!
Wow, ein wirklich toller Beitrag!
Ich fühle total mit Dir! Als Projektleitung wird kenne ich das, das ein gewisser “Klamottenstyle”, also Business, erwartet wird. Genau diese Unsicherheit hatte ich am Anfang auch. Gelernt habe ich an der Maschine und konnte unter meiner Bundhose die Kompri verstecken und als ich dann ins Büro gewechselt bin, kam bei mir genauso die Angst hoch, dass alle es sehen.
Am Anfang kamen natürlich die Fragen, warum ich im Sommer Strumpfhose trage und die anderen üblichen Fragen, die wir alle kennen. Mittlerweile trage ich aber gerade die bunten Strümpfe (auch mit Batik) ganz selbstbewusst und passend zu meiner Kleidung. Ob zum Kleid/Rock oder unter der Hose oder Shirt sichtbar. Meine Kollegen freuen sich schon immer mit mir mit, wenn ich eine neue Versorgung mit neuer Farbe anhabe 🥰
Ein riesen Dank an Dich, dass Du mit dem Beitrag uns Mädels mit Kompri so Mut machst 💕
Danke für den Einblick. Ein toller Beitrag!
Danke endlich sagt es mal jemand. Man möchte sich nicht erklären, deswegen versteckt man es oft (weite Hose, Rock, Kleid). Geht mir oft beim Schwimmen so. Ich schwimme mit Capri Badehose,fühle mich sehr wohl damit, auch weil im Bikini, die Oberschenkel aneinander reiben. Da habe ich auch schon den ein oder anderen Spruch gehört, warum ziehst Du kein Bikini an? Auch komische Blicke. Aber je öfter man dann damit erscheint um so normaler wird es dann.