Dr. Bauer
17.September 2019 | Allgemein

Die Wissenschaft hinter der Kompression bei Lipödem

Warum die Kompression beim Lipödem wichtig ist

Seit vielen Jahren ist die Kompressionsbekleidung fixer Bestandteil der konservativen Therapie bei der Lipödem Erkrankung. Durch die Kompression entsteht Druck, der durch sie aufgebaut wird und der Filtration der Flüssigkeiten (z. B. Lymphe) aus den Gefäßen in das Bindegewebe entgegen wirkt. Kommt es zu einer übermäßigen Flüssigkeitsansammlung im Gewebe kann es zu einer Störung der Balance kommen, sogenannte Ödeme entstehen.

Beim Lymphödem ist bekannt dass der Abtransport der gebildeten Lymphflüssigkeit nicht gewährleistet ist und es daher zu einer Anreicherung der Lymphlüssigkeit im Gewebe kommt. Daher sind manuelle Lymphdrainage und Flachstrick Kompression absolut essentiell für die konservative Therapie. Beim Lipödem ist die Datenlage schlechter was die manuelle Lymphdrainage angeht. Des Weiteren ist noch nicht klar woher das „Ödem“ beim Lipödem wirklich kommt. Duplexsonographisch können meistens eine verdickte Fettschicht und Septen dargestellt werden, sowie Blutgefäße, aber keine lokalisierten Flüssigkeitsansammlungen. Es gleicht einer aufgetriebenen Fettschicht, die sich klinisch teigig und prall anfühlt, aber klar zu unterscheiden ist von eindrückbaren Ödemen wie sie bei anderen Erkrankungen auftreten. Auch vom Lymphödem unterscheidet sich dieses Ödem. Da es sich nicht immer um ein begleitendes zu therapierendes sekundäres Lymphödem handelt wird die Kompression manchmal sogar in Frage gestellt von Kritikern. Da das Lipödem früher lange Zeit viel zu selten diagnostiziert wurde, konnten leider viele Patientinnen in höheren Stadien (III) keine bedarfsgerechte Versorgung vor zwanzig oder dreißig Jahren erhalten. Daher wurden viele erst vorstellig nachdem sie bereits jahrzehntelang unter der Erkrankung gelitten hatten, teilweise fälschlicherweise als Adipositas diagnostiziert. Diese Patientinnen hatten keine Kompressionsbekleidung erhalten und zeigten extrem verhärtete Extremitäten und manuelle Lymphdrainage konnte kaum einen Erfolg mehr verzeichnen. Bei den Operationen boten sich erschwerte Verhältnisse, da die Fibrosierung sich so manifestiert hatte. Die Patientinnen der jüngeren Generation, die bereits in einem frühen Stadium die Flachstrickkompressionsbekleidung verschrieben bekamen zeigen hingegen selbst in höheren Stadien ein weiches Bindegewebe und klagen über weniger Schmerzen bei der Mobilisierung.

Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen dafür

Studien konnten nachweisen, dass die Kompression die Fibrosierung und die Sklerosierung des Bindegewebes langfristig verhindert und dadurch das Gewebe weichhält (1,2). Dies ist wichtig für die Mobilität der Patientinnen, die Schmerzreduktion und auch aus chirurgischer Sicht in Vorbereitung auf eine Liposuktion. Je besser durchblutet das Gewebe und je weniger fibrosiert und sklerosiert, desto besser funktioniert auch die abschließende Wundheilung nach der Entfernung des kranken Fettgewebes. Ob eine begleitende manuelle Lymphdrainage sinnvoll ist, muss sich in multizentrischen Studien noch zeigen. Präoperativ ist es als Vorbereitung für das Gewebe sicherlich von Vorteil, sowie postoperativ bis zum Abschluss der Abschwellung.
Man weiß, dass die Fettzellen (Adipozyten) miteinander kommunizieren über verschiedene Faktoren mit denen sie ihre Signale aussenden. Die Fettzellen sind sehr sensibel und reagieren auf Umwelteinflüsse aller Art, so auch unter anderem auf mechanischen Stress und Kompression. Neueste Studien haben gezeigt, dass es nicht nur um den statischen Druck geht, der durch die Kompressionsbekleidung ausgeübt wird auf die Flüssigkeit im Gewebe, sondern dass auch die Bindegewebszellen und Fettzellen auf die Kompression von außen reagieren (3-5). Nicht geklärt ist, ob die Kompression auf die Lipödem Fettzellen weitere Auswirkungen hat, oder ob es vor allem die Bindegewebszellen (Fibroblasten) sind, die dadurch beeinflusst werden und weniger zur Verhärtung (Fibrosierung) führen unter der Kompression (3-5).

Kompression auch nach der Operation noch sinnvoll?

Oft wird bei Lipödem Patientinnen richtig damit geworben, dass nach einer erfolgreichen Operation bzw. mehreren Operationen bei Lipödem eine Kompressionshose oder Strümpfe nicht mehr nötig seien. Die Praxis beweist aber aus dem Alltag der Lipödem Patientinnen, dass es bei hohen Temperaturen oder bei Hormonschwankungen sehr wohl noch zu Schwellungen kommen kann, selbst wenn sehr viel Fettgewebe entfernt wurde und keine Schmerzen in Ruhe mehr bestehen. Somit wäre es wohl angebrachter, wenn Kollegen in Zukunft darauf hinweisen würden, dass selbst nach einer oder mehreren erfolgreichen Lipödem-Operationen eine Schwellungsneigung normal sein kann und eine Kompressionskleidung bei Bedarf empfehlenswert ist. So sollten das Bindegewebe, die Venen und die Lymphbahnen auch nach einer Operation weiter geschont werden und durch eine maßangefertigte Flachstrickkompression unterstützt werden.

Eure
Anna-Theresa Bauer

 

Literaturangaben

  1. Moseley A , Piller N, Carati C., Lymphology. 2002 Dec;35(4):136-43.
    Combined opto-electronic perometry and bioimpedance to measure objectively the effectiveness of a new treatment intervention for chronic secondary leg lymphedema.
  2. Wagner S Vasa. 2011 Jul;40(4):271-9. doi: 10.1024/0301-1526/a000115.
    Lymphedema and lipedema - an overview of conservative treatment.
  3. Zhonghua Shao Shang Za Zhi. 2013 Dec;29(6):509-15.
    Effects of pressure therapy on the proliferation and apoptosis of cells in hypertrophic scar of burn patients.
  4. Shoham N1, Gefen A. J Biomech. 2012 Jan 3;45(1):1-8. doi: 10.1016/j.jbiomech.2011.10.023. Epub 2011 Nov 21.
    Mechanotransduction in adipocytes.
  5. van Esterik FAS1,2, Ghazanfari S3, Zandieh-Doulabi B1, Semeins CM1, Kleverlaan CJ2, Klein-Nulend JJ Biomed Mater Res A. 2017 Nov;105(11):2986-2994. doi: 10.1002/jbm.a.36149. Epub 2017 Jul 18.
    Mechanoresponsiveness of human adipose stem cells on nanocomposite and micro-hybrid composite.

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1 Kommentare
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Maria Magdalena

Liebe Frau Dr. Anna-Theresa, es ist wirklich gut zu lesen, dass auch an der chronischen Erkrankung Lipödem geforscht wird. Ich weiß es leider erst seit Sommer 2018, dass ich unteranderem das Lipödem Stadium II habe. Obwohl ich heute bei einem Amtsarzt vorstellig wurde und er mir das Stadium I diagnostiziert hat und eher auf Adipositas und wegen der Schmerzen auf der Fibromyalgie rum geritten ist. Ich bekomme, so hoffe ich trotzdem dieses Gutachten für das Finanzamt. Trotzdem meine Verunsicherung ist auch da. Vor allem weil ich eher seit 15 Jahren unter Schmerzen leide, die meistens in Ruhephasen präsent sind. Keine Einlagerung von Wasser, deshalb glaube ich, dass das Fett auch auf die Nervenfaser drückt und so die Schmerzen auch verursacht werden. Ich hoffe so sehr, dass endlich sichere Diagnosen Stellung gibt und dass Ärzte nicht alles auf Adipositas schieben können. Sicherlich haben viele Frauen auch ein Übergewicht aber das Lipödem oder die Fettstoffwechselstörungen war vorher da.Ich bin jetzt 51 Jahre alt und konnte seit Anfang März mit massiven Nahrungsumstellung und 3 bis 4 mal die Woche mindestens 12 kg abnehmen. Leider an den Oberschenkel kaum am Umfang verloren. In Moment geht es sehr langsam mit der Gewichtsreduktion obwohl ich noch alles so mache wie am Anfang. Mein BMI liegt heute bei 30 vom Amtsarzt ausgerechnet. Schmerzen sind da aber ich kann nachts wieder durchschlafen. Wie gesagt, ist es möglich, dass diese Schmerzen ausgelöst werden, weil das Fett bei drück auf Nervenfaser drückt und reizt und die von mir aus die Schmerzverarbeitung und Weiterleitung gestört ist?

am 17.09.2019 | 16:59

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