Jule
15.Oktober 2020 | Mein Lipödem

Wenn die Massage nur noch Quälerei ist - Mein Weg zur Diagnose

Hallöchen! Mein Name ist Jule, ich bin 18 Jahre alt und studiere Physiotherapie. Ein typisches Vorurteil über Physios ist ja, dass sie hier ein bisschen streicheln und dort ein bisschen massieren. Ich muss zugeben, im ersten Semester liegt ein Schwerpunkt auf der klassischen Massage. Aber so ist es eben, die Massage gehört natürlich auch mit zu den vielfältigen Aufgaben eines Physiotherapeuten. Schluss jetzt mit der Werbung für diesen Beruf. Eigentlich möchte ich über den Weg zu meiner Diagnose berichten und dieser beginnt im Massageunterricht.

Massageunterricht

Wir probieren die verschiedenen Techniken mit Partnern aus und üben zu zweit die Ausführung. Schon in den ersten Stunden fiel mir auf, dass irgendwie jede Massage, an egal welchem Körperteil unangenehm schmerzt. Das war besonders schlimm an den Armen, den Beinen und dem Rücken. Ich dachte mir nicht wirklich was dabei, es fühlte sich an, als wäre so gut wie jeder Muskel verspannt. Praktisch alle im Kurs haben die Massagen immer genossen, aber ich musste mich immer darauf konzentrieren, dass ich nicht ganz so gequält schaue. Besonders schlimm war es, als wir einen häufig verspannten Muskel finden sollten. Unsere Dozentin wählte mich als Beispiel für den ganzen Kurs aus, da war es so schlimm, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Das ist natürlich auch meiner Dozentin aufgefallen und später hat sie mich mit vor die Tür genommen und mir ihre Vorahnung geschildert, das Lipödem. Ich war erstmal total überfordert und mir liefen die Tränen über die Wangen. Sie hat mir noch einen Arzt empfohlen, der sich damit auskennt und wo ich alles abklären soll. Nach dieser Hiobsbotschaft bin ich schnurstracks nach Hause gelaufen, um mich zu beruhigen. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und im Internet nach dem Begriff gesucht. Erstaunlicherweise reagierte ich jetzt viel gelassener. Zwar war ich trotzdem noch extrem aufgeregt, aber ich konnte alles viel besser aufnehmen und verarbeiten.

Die Arztbesuche

Das wichtigste war es, zum Arzt zu gehen und das alles abklären zu lassen. Klingt einfach, aber die meisten hier wissen ja, dass es das nicht ist. In der empfohlenen Praxis konnte man auch Termine online machen. Sas ist schwieriger als es klingt. Diese Praxis war nämlich eine Gemeinschaftspraxis, in der mindestens zehn Ärzte arbeiteten und da ist es gar nicht so einfach, den richtigen auszuwählen, wobei auch die Termine knapp waren. Ich habe es bei meinem Glück geschafft mich falsch anzumelden und bekam darauf eine Mail, dass erst in zwei Monaten wieder Termine vergeben werden. Solange konnte ich nicht warten, also bin ich ohne Termin in die Praxis und nach zwei Stunden warten wurde endlich mein Name aufgerufen. Ich wurde zehn Minuten lang von einer sehr netten Ärztin untersucht und bekam einen Termin bei ihr noch in der gleichen Woche! Ich war sehr erleichtert, dass es doch noch so gut geklappt hatte.

Die Diagnose

Ich bin nach ein paar Tagen zu meinem Termin gegangen und wurde von der Ärztin umfangreich befragt und mit Ultraschall untersucht. Das war ein ungewöhnliches Gefühl, da ich noch nie mit Ultraschall in Kontakt gekommen bin. Meine Ärztin erklärte mir dann, dass sie kein Lipödem erkennen kann. Puuhh, Erleichterung. Jedoch besteht bei mir eine sogenannte Lipohypertrophie. Das ist quasi die Vorstufe eines Lipödems. Im Laufe meines Lebens kann es immer noch zu einem Ödem werden, muss es aber nicht. Es kann sich natürlich auch bessern. Sie erklärte mir viel darüber und nahm mir die Angst vor der Diagnose. Sie selbst habe auch das Lipödem und lebt super damit. Ganz ehrlich, ich hätte es bei ihr auch gar nicht gemerkt. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie so nett und ehrlich zu mir war.

Die Veränderung

Eine große Veränderung in meinem jetzigen Leben gab es durch die Diagnose nicht. Ich kann nicht wirklich was dagegen tun, außer mein Gewicht zu halten und nicht zu zunehmen. Ich habe den starken Verdacht, dass das alles durch meine Pille verursacht wurde. Ich versuche die Sorte zu wechseln.

Ich glaube, ohne meine Dozentin würde ich noch immer im Dunkeln tappen und mich nicht darum kümmern. Ich bin sehr froh, dass sie mit mir gesprochen hat und mir einen Arzt empfohlen hat. Ich denke, die meisten Frauen erkennen es nicht selbst und wollen es vielleicht auch manchmal gar nicht. Ich habe immer gedacht es würde an meinem Essverhalten und zu wenig Sport liegen. Jetzt weiß ich es besser. Für mich wird es noch ein langer Weg sein, mich so zu akzeptieren, wie es jetzt ist und vor allem mich auch so zu lieben. Gerade jüngere Mädchen sind ständig Vergleichen ausgesetzt und man wird häufig nur noch nach dem Äußeren beurteilt. Ich wünsche mir für alle Frauen und Mädchen, egal ob mit oder ohne Lipödem, dass wir uns alle schön finden und zusammenhalten. Wir haben so viel mehr zu bieten als nur unser reines Aussehen!

Eure Jule

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2 Kommentare
Kommentieren
Melanie

Ich wäre sehr vorsichtig, einfach auf eine andere Pille umzusteigen. Genau das war bei mir der Auslöser. Eine falsch verordnete Pille.
Lass dich lieber ausführlich von einer Frauenärztin deines Vertrauens beraten. Mir haben sie nur hormonfreie Verhütung verschrieben, da das Lipödem durch die Hormone schlimmer werden kann.

vor 2 Tagen
Silke

Du schreibst von starken Schmerzen, dass passt allerdings nicht richtig zu Lipohypertrophie, soweit ich weiß. Wie ist es denn, wenn du viel schwimmst, mehrere Tage hintereinander- wird die Haut dann glatter bzw. reduziert sich der Umfang? Falls ja, spricht das für Ödeme

am 15.10.2020 | 15:55

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