Ruth
22.Juni 2018 | Mein Lipödem

Mein Weg zur Lipödemanwältin

„Ich fühle mich von Dir sehr gut vertreten“ oder „Ich bin sehr froh darüber, dass Sie sich für mich einsetzen“ – das sind Sätze, die mir viel bedeuten. Denn sie stammen von zufriedenen Mandantinnen. Vor einigen Jahren hätte ich den Kopf geschüttelt, hätte mir jemand gesagt, dass eine Erkrankung mein Leben zum Positiven verändern würde.

Ich bin Rechtsanwältin für Sozial- und Medizinrecht, Steuerrecht, Erbrecht und Seniorenrecht. So vertrete ich unter anderem Lipödempatientinnen mit allen relevanten Themen bezogen auf konservative und operative Therapie, Straffungsoperationen, Reha, GdB, steuerliche Geltendmachung von Krankheitskosten, um die wichtigsten zu nennen. Ich bin selbst Lipödempatientin und wurde 2016 operiert. Ich bin dankbar, einem nicht so guten Schicksal mit der Erkrankung entronnen zu sein.

Mein Weg zur Lipödem-Diagnose

Wie bei vielen anderen Patientinnen wurde das Lipödem bei mir sehr spät, genauer gesagt nach sage und schreibe 36 Jahren, diagnostiziert. Ein Zufallsbefund sozusagen. Ich hatte mich in den letzten Jahren gewundert, dass ich immer tollpatschiger und unbeweglicher wurde. Dies spielte sich nicht sehr bewusst ab, sondern als etwas, was einem auf unbestimmte Weise schlechte Gefühle gibt und immer das Gefühl, „hintendran“ zu sein. Meine Beine habe ich seit jeher nicht gemocht. Denn seit meiner Pubertät hatte ich immer den Eindruck, die Genetik (oder der Zufall oder das Schicksal oder was auch immer) hätte meine beiden Körperhälften geradezu willkürlich zusammengefügt. Immer zwei Größen Abstand, oben 34 – 36, ab der Hüfte im günstigsten Fall die 40, meistens sogar die 42. Beim Hosenkauf erhielt ich das Taillen-Hüften-Problem gratis. Meine Arme mochte ich spätestens mit Beginn der Wechseljahre auch nicht mehr.

Der Zufallsbefund Lipödem ereignete sich nach einer Hallux-Valgus-OP (Operation am Vorfuss). Postoperativ musste ich einen AD-Kniestrumpf am linken Bein tragen. In meinem wechselvollen Patchwork-Lebenslauf hatte ich mich einmal an der Ausbildung zur Arzthelferin versucht (fachlich fand ich das nicht schwierig, aber ich hatte schon immer ein Thema mit manchen Autoritäten, sodass dies nur eine Durchgangsstation auf meinem weiteren Weg darstellte). Auf jeden Fall wusste ich, was eine Ödemerkrankung ist. Nach einigen Intermezzi mit mehr oder weniger versierten Medizinern hatte ich dann zunächst einmal Oberschenkelstrümpfe. Diese orderte ich sogleich in Magenta. Schon deshalb, weil es mich damals (in 2015) zutiefst deprimierte, eine chronische Schmerzerkrankung zu haben, die nicht heilbar ist.

Meine Operationen

Nachdem ich mich mit den medizinischen Aspekten unserer Erkrankung eingehend beschäftigt hatte, stand für mich fest, dass ich mich in absehbarer Zeit der operativen Therapie unterziehen wollte. Denn ich dachte mit Grauen daran, wie ich denn meinen Beruf als Rechtsanwältin – viel Sitzen, viel Stress – noch die nächsten gut zwanzig Jahre ausüben sollte. Der Sommer war relativ heiß, ein warmes Büro mit schlechter Raumklimatik bei meinem damaligen Arbeitgeber tat sein Übriges. So ging es mir Emotional auch nicht besonders gut.

2016 habe ich meine eigenen Operationen hinter mich gebracht. Ein großes Glücksgefühl, nachdem das Schlimmste überstanden war, aber stellenweise auch ein sehr großes Wutgefühl: Warum habe ich jahrelang diese Schmerzen und diese schweren Beine aushalten müssen? Warum habe ich mir (als leidenschaftliche Radfahrerin, die auch einmal zweieinhalbtausend Kilometer nach Santiago der Compostela fährt) so lange anhören müssen: "Jetzt fangen Sie doch einmal an, ordentlich Sport zu treiben!"? Anscheinend habe ich lange Zeit unordentlich Sport getrieben.

Mein Werdegang zur Lipödem-Anwältin

Beinahe zwangsläufig begann ich mich mit der rechtlichen Seite zu beschäftigen. Kaum hatte ich mich eingelesen, war ich schon dabei. Sozial- und Medizinrecht fesselten mich und durch den direkten Bezugspunkt der eigenen Erkrankung fand ich auch den Weg, um anderen Betroffenen zu helfen und wurde unter anderem Moderatorin in einem Internetforum. Es ging sehr schnell, da hatte ich bereits die ersten Mandate. Lipödem-Fälle sind oft nicht einfach. Doch genau dies reizte mich ungemein und weckte meinen Kampf- und Widerspruchsgeist. Ich bin schließlich nicht umsonst Juristin und Rechtsanwältin geworden. Adrenalinjunkies sind Anwälte meistens ohnehin.

Bei meiner damaligen Tätigkeit, die insbesondere vom Steuerrecht geprägt war, merkte ich immer mehr, wie ich karrieretechnisch an meine Grenzen stieß. Wieder einmal. Auch die Begleitumstände, die zunehmende Routine und der fehlende Mandantenkontakt als Anwältin eines mittelständischen Unternehmens führten dazu, dass mir vergangenes Jahr eins klar wurde. Ich wollte meine Existenz auf eine andere Basis stellen. Also habe ich mein eigenes Unternehmen gegründet.

Eine Herzensangelegenheit

Am schlimmsten finde ich, dass die Frauen, bei denen ein vorhandenes Lipödem noch nicht diagnostiziert ist, oft einer Art Gehirnwäsche ausgesetzt sind. Die Patientinnen mit einem stärkeren Befund kennen das dahingehend, dass sie einfach bloß dick sind (das meine ich jetzt nicht wirklich, sondern ich gebe das betreffende Vorurteil wieder). Solche mit einem etwas milderen Befund, wie meine Wenigkeit, sind im günstigsten Fall immer der Pummel vom Dienst. Erschreckend ist insbesondere, dass man viele Dinge für völlig normal hält. Ich habe erst nach den Operationen mit dem Herzen verstanden, was es bedeutet, federnden Schrittes zu laufen.

Aber ich habe durch die Erkrankung sehr viele ungemein beeindruckende, liebenswerte und interessante Frauen kennengelernt. Die Äußerung einer lieben Freundin wiederhole ich oft und gern: Lipödem hat auch seine guten Seiten. Mit vielen Dingen rechnet man im Leben nicht, auch wenn man weiß, dass man vor Überraschungen nie sicher ist. Antoine de Saint-Exupéry hat das sehr schön in Worte gefasst: "Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat."

Ich freue mich sehr, bei einem so schönen Projekt wie „Frauensache“ einen Blogbeitrag veröffentlichen zu dürfen. Botschafterin Chrissy habe ich auf dem Lipödemtag in Hannover persönlich kennengelernt und mich sehr darüber gefreut. Es ist schön, zu wissen, dass wir immer mehr an die Öffentlichkeit gehen. Die Interessenvertretung von Lipödemfrauen ist mir ein Herzensanliegen.

Weitere wichtige und spannende Informationen zum Rechtsthema beim Lipödem erhaltet Ihr in meiner Podcast-Folge mit Mind Body Life!

Eure Ruth

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