Ellie
04.Juli 2019 | Mein Lipödem

Lipödem trotz Essstörung und Essstörung trotz Lipödem?

Wusstest du, dass es Untersuchungen gibt, nach denen ca. 74 % der Lipödembetroffenen zusätzlich unter einer Essstörung leiden? Dazu zählen vor allem Binge-Eating, Bulimie und Magersucht. Die uns so gern unterstellte „Fresssucht“ haben hingegen nur sehr wenige.

Leider gibt es keine genauen Angaben darüber, wie viele Frauen vor ihrem Lipödem und wie viele erst durch das Lipödem bzw. dessen nicht Erkennen und so schlaue Ratschläge wie „Friss nicht so viel.“ eine Essstörung entwickelt haben.

Ich selbst war 10 Jahre alt, als ich magersüchtig wurde. Später entwickelte sich daraus Bulimie, dann wechselte ich zwischen Magersucht und Bulimie hin und her bis ich schließlich bei Magersucht mit Binge-Eating Anfällen landete.

Als ich mit 25 schließlich die Diagnose Lipödem bekam, war mir schnell klar, dass eine Essstörung, egal in welcher Form, damit völlig inkompatibel ist. Ohne ein stabiles, gesundes Essverhalten würde sich die Krankheit noch schneller verschlimmern und eine Liposuktion wäre sowieso ausgeschlossen.

Das Lipödem ließ mir also keine andere Wahl, als mich der Essstörung zu stellen.

Habe ich eine Essstörung?

Wenn du dir gerade selbst nicht sicher bist, ob du vielleicht ein Problem in diese Richtung hast, dann gibt es ein paar einfache Fragen, die du dir stellen kannst:

  • Denkst du zwanghaft ans Essen?
  • Ekelst du dich vor Nahrung?
  • Kannst du, wenn du anfängst zu essen, nicht mehr aufhören, auch wenn dir schon schlecht ist oder du Bauchschmerzen hast?
  • Fühlst du dich nach dem Essen schuldig?
  • Erbrichst du dich absichtlich?
  • Kontrollierst du mehrmals täglich dein Gewicht?

Hast du auch nur eine Frage davon mit „Ja“ beantwortet, dann solltest du einmal ganz ehrlich versuchen, deinen Umgang mit Essen zu reflektieren und dich an eine Selbsthilfegruppe oder Beratungsstelle wenden.

Klinik, Therapie oder Selbsthilfegruppe?

Ich werde dich nicht anlügen: Am Anfang lief alles falsch und ich wollte hinschmeißen. Die erste Psychologin bei der ich war, verwies mich an eine renommierte Klinik für Essstörungen. Aber das war nichts für mich. Ich blieb genau 6 Stunden an diesem Ort, dann fuhr ich nach Hause und sortierte mich neu.

Vier Wochen später hatte ich meinen ersten Termin in einer Praxis für ambulante Verhaltenstherapie. Meine Psychologin dort war sehr nett. Sie stellte keinerlei Ansprüche an mich und doch hatte ich von Beginn an einen unüberwindbaren Widerwillen mein Leben und meine „Angewohnheiten“ die ich immer vor aller Welt versteckt hatte, jetzt offen mit einem Außenstehenden zu besprechen.

Dann hörte ich von einer Selbsthilfegruppe für Essgestörte, die nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker funktionieren sollte.

Ich besuchte mein erstes „Meeting“ der OA zwei Monate nach Beginn meiner Therapie. Und es waren genau diese 90 Minuten mit 10 fremden Menschen an einem Tisch, die mich aufgeweckt haben und mir halfen, den Weg zu finden, mich effektiv mit meinem Problem auseinanderzusetzen.

Also begann ich zusätzlich zu meinen Therapiestunden regelmäßig an OA-Treffen teilzunehmen und nach 6 Monaten war ich das erste Mal seit 17 Jahren frei im Kopf. Plötzlich war da so viel Lebenszeit übrig, die ich nicht mehr damit verbrachte, Kalorien zu zählen, Panik zu haben in der Öffentlichkeit etwas zu essen oder 5 Mal am Tag mein Gewicht zu kontrollieren.

Leben mit Lipödem aber ohne Essstörung

Es ist traurig, aber hätte ich das Lipödem nicht bekommen, hätte ich nie etwas gegen meine Essstörung getan.

Mittlerweile bin ich seit 3 Jahren genesen und kann mir nicht mehr vorstellen, mir noch einmal mein Leben so kaputtzumachen. Genau diese Einstellung hilft mir glaube ich auch dem Lipödem nicht die „Kontrolle“ über mein Leben zu überlassen und trotzdem die Gelassenheit zu haben das Beste aus allem zu machen.

Es ist keine Schande sich Hilfe zu suchen, sei es in einer Selbsthilfegruppe, einer Klinik oder in einer ambulanten Therapie – Du entscheidest was dir gut tut und nur du.

Liebe Grüße,
Deine Ellie

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