Britta
05.Dezember 2019 | Mein Lipödem

Lipödem-Stammtisch oder auch die etwas andere Selbsthilfegruppe

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich möchte euch was fragen. Woher kennt Ihr andere Lipödem-Patientinnen? Sind es eher digitale Freundschaften über Instagram, Facebook, WhatsApp und Co.? Habt Ihr euch persönlich kennengelernt, in einer Selbsthilfegruppe vielleicht oder auf einem Lipödem-Tag? Oder ist es vielleicht eine Mischung aus online und offline?

Mit dem Begriff „Stammtisch“ habe ich ganz klischeehaft bis vor einigen Jahren ein Bild verbunden: untersetzte, ältere Herren mit großen und gefüllten Bierkrügen in der Hand, die um einen massiven Holztisch einer Gastwirtschaft herumsitzen und lautstark über Lokalpolitik diskutieren.

Lymphtherapeutin mit Sozialkompetenz

Nach einer einstündigen manuellen Lymphdrainage drückte mir meine damalige Therapeutin einen Post-it in die Hand. Auf dem Zettelchen stand der Name einer Facebook-Gruppe und der Name einer Ansprechpartnerin. Es ging um einen Lipödem-Stammtisch. Auf Facebook habe ich am gleichen Abend noch um die Aufnahme in die geschlossene Gruppe gebeten und einen Moment später war ich drin – in der Stammtisch-Gruppe und mitten in der Lipödem-Community.

Date mit anderen Lipödem-Betroffenen

Kurze Zeit später fand ein Treffen des Lipödem-Stammtischs statt. Es war ein Sonntagnachmittag im Januar mit ungemütlichem Winterwetter. Ich freute mich auf das Treffen. Aber ich war auch nervös, weil ich überhaupt nicht wusste, auf wen ich dort treffen würde. Wie viele Frauen da sein würden, wie lange sie sich schon kannten usw. Meine Anspannung legte sich erstaunlicherweise sofort, als ich am reservierten Tisch ankam. Ich wurde von allen herzlich begrüßt und ab diesem Moment kam ich mir nicht mehr als „die Neue“ vor. Es wurde ganz offen über die Erkrankung gesprochen. Über Kompressionsversorgungen, über gute und nicht so gute Ärzte, über Therapeuten und all die Dinge, die das Leben mit Lipödem so mit sich bringt. Bei diesem Treffen habe ich zum ersten Mal etwas von Liposuktionen gehört. Das Thema war in meinem Kopf vor diesem Treffen noch überhaupt nicht existent.

Nach dem ersten Treffen

Als ich mich nach einigen Stunden verabschiedete, war ich glücklich, hatte ich als Lipödem-Neuling doch so eine Art Lipödem-Homebase gefunden. Mir schwirrte der Kopf. Ich hatte so viele Eindrücke und Informationen mitgenommen, das musste ich erstmal verarbeiten. Trotzdem war mir sofort klar, dass ich beim nächsten Treffen wieder dabei sein würde.

Was macht man bei einem Stammtisch?

Kurz zusammengefasst: austauschen, ratschen, lachen, eine gute Zeit haben. Vielleicht auch was trinken und essen. Aber da kann ich natürlich nur von unserem Stammtisch berichten. Wir treffen uns alle 4-8 Wochen in einer lockeren Atmosphäre, in einem Café, einem Restaurant oder auch mal einem Biergarten. Bei uns schaut niemand komisch, wenn man Kaiserschmarrn mit Vanilleeis oder Schnitzel mit Pommes bestellt oder eben auch vielleicht nur ein Wasser. Wenn jemand ein Bier oder einen Hugo trinken möchte, ist das genauso erlaubt. Es gibt keine Lipödem-Polizei. Genauso wenig wird jemand komisch angeschaut, wenn die Beine hochgelegt werden oder jemand sich hinstellt statt zu sitzen, weil das Sitzen wehtut, die Beine schmerzen, anschwellen oder kribbeln. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass eine Teilnehmerin fragt, ob sie andere Kompressionen anschauen und anfassen darf, wegen des Materials, der Zusätze und der Farben.

Eine bunte Mischung

Die Teilnehmerzahl schwankt immer ein bisschen, mal sind wir zu sechst, mal sitzen 20 Frauen ratschend, lachend und diskutierend am Tisch. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Dadurch ist viel Abwechslung geboten. Meistens sind die Gründungsmitglieder dabei, aber genauso sitzen frisch diagnostizierte Patientinnen in der Runde. Alte Hasen, die zum ersten Mal zu einem Stammtisch kommen, nehmen teil, sowie operierte und nicht operierte Patientinnen. Junge Mädels und gestandene Frauen mischen sich in dieser Gruppe. Sie alle verbindet das Leben mit dem Lipödem.
Die meisten Teilnehmerinnen des Stammtischs sind für mich inzwischen mehr als ein paar Frauen, die ich in regelmäßigen oder auch unregelmäßigen Abständen treffe. Ich habe sie ins Herz geschlossen und einige sind Freunde geworden.

Und bei euch?

Ich weiß von weiteren Lipödem-Stammtischen, die quer über Deutschland verteilt sind. Schaut doch mal auf Facebook oder fragt in eurem Lipödem-Netzwerk nach, ob es bei euch in der Nähe einen Stammtisch gibt. Und wenn es bei euch (noch) keinen Stammtisch gibt? Dann gründet einen! Unser Stammtisch hat irgendwann mit drei oder vier Betroffenen gestartet und hat sich über die vergangenen Jahre entwickelt. Profitiert von dem Austausch, gebt eure Erfahrungen weiter, genießt die Qualitätszeit mit anderen Betroffenen – denn wer kann euch besser verstehen und kann besser nachfühlen, wie es euch geht?

Alles Liebe und bis bald.

Britta

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