Prof. Schmeller
29.August 2019 | Mein Lipödem

Fragen an Prof. Schmeller - Liposuktion (Teil 2)

Lang ersehnt... Der zweite Teil bezüglich des Themas Liposuktion bei Lipödem. Prof. Dr. med. Wilfried Schmeller aus der Hanse-Klinik in Lübeck hat bereits im ersten Teil einige Fragen beantwortet. Nun widmet er sich weiteren Fragestellungen.

Liposuktion und Schwangerschaft

Sollte eine Liposuktion noch vor einer geplanten Schwangerschaft durchgeführt werden?

Bekannterweise treten bei Lipödempatientinnen die Volumenzunahmen im Beinbereich häufig zu Zeiten starker Änderungen der Hormonkonzentrationen im Blut auf, d.h. bei Pubertät, Schwangerschaft und Klimakterium. Wenn also ein Lipödem besteht, kann es – muss aber nicht – durch eine Schwangerschaft richtunggebend verschlimmert werden. Falls eine Liposuktion vorgesehen und auch eine Schwangerschaft geplant ist, erscheint es sinnvoll, zunächst die vorhandenen Fettgewebsvermehrungen zu reduzieren; man hofft, damit in der Schwangerschaft nur noch eine „kleinere Angriffsfläche“ für die Wirkung der aktuell stark erhöhten Sexualhormone zu bieten und somit also eine Art „Vorbeugung“ zu betreiben. Der Stimulus zur Vergrößerung und Vermehrung trifft dann also nur noch eine kleinere Zahl von Fettzellen als vor der Liposuktion.

Dies sind aber nur theoretische Überlegungen; es gibt zu dieser Fragestellung keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Eine weitere wichtige Überlegung ist auch, dass prinzipiell nach der Schwangerschaft das Baby so viel Zeit in Anspruch nimmt, dass man einfach weniger Zeit für sich selber hat und dem postoperativen Verlauf sowie der Wundheilung nicht so viel Zeit widmen kann.

Lymphologische Risiken nach Liposuktion

Wie groß ist die Gefahr, bei der Liposuktion Lymphgefäße zu verletzen?

Die Gefahr der Verletzung von Blut- oder Lymphgefäßen in der Unterhaut ist – im Gegensatz zu den früheren Techniken der Liposuktion – bei den heute angewandten Methoden (Tumeszenz-Lokalanästhesie, vibrierende Mikrosonden oder Wasserstrahltechnik) – nicht Null, aber sie ist extrem gering. Das Entscheidende ist, dass die oberhalb der Muskelfaszie verlaufenden großen Lymphkollektoren intakt bleiben. Anatomische Studien ergaben, dass beim Absaugen in länglicher – also nicht in querer – Richtung keine auffälligen Schäden an diesen „Haupt“-Lymphgefäßen nachweisbar waren.

Immunhistologische Untersuchungen zeigten nur ganz vereinzelt winzige Fragmente, d.h. einzelne Zellen initialer Lymphgefäße, im abgesaugten Aspirat. Dies hat jedoch keine praktische Bedeutung. Auch klinische Verlaufsuntersuchungen über viele Jahre zeigten, dass durch die Liposuktion(en) keine Störung des Lymphabflusses und somit also auch kein Lymphödem erzeugt wird.

Stimmt es, dass bei einem gleichzeitigen Lymphödem die Liposuktion nicht in Frage kommt?

So kann man das nicht sagen. Eine Liposuktion wird heutzutage auch bei speziellen Fällen von – meist sekundären – Lymphödemen durchgeführt. Wie lymphszintigraphische Untersuchungen zeigten, werden dabei durch den Eingriff die bereits bestehenden schlechten Abflussverhältnisse der geschädigten Lymphbahnen nicht noch weiter geschädigt. Man kann damit also beim einseitigen Lymphödem die noch - trotz konservativer Therapie - bestehende Umfangsvermehrung gegenüber dem gesunden Bein/Arm so reduzieren, dass beide Beine/Arme wieder gleich groß sind.

Wenn man also bei einem Lipo-Lymphödem die Fettmengen reduziert, bessert sich das Lipödem, aber die vorhandenen Schäden durch das Lymphödem bleiben unverändert bestehen. Daher sind also die Operationserfolge zwar da, aber deutlich geringer als beim reinen Lipödem; die aufgrund des Lymphödems bestehende konservative Behandlung muss weiterhin in meist identischer Weise fortgeführt werden. Es ist im Einzelfall also sorgfältig abzuwägen, ob in solch einem Fall eine Liposuktion wirklich einen echten Vorteil bringt.

Liposuktionsarten und Nebenwirkungen

Die Liposuktion wird heute fast ausschließlich in Form der Vibrations-Liposuktion oder der Wasserstrahl-Liposuktion durchgeführt. Verfahren mit Ultraschall oder Laser werden zwar vereinzelt eingesetzt, haben sich weltweit aber nicht im großen Maß durchsetzen können. Alle Techniken haben Vor- und Nachteile, kein Verfahren ist deutlich besser als das andere. Wenn man eine ausreichende Erfahrung hat, kann man mit jeder Methode gute Ergebnisse erzielen. Es muss also immer wieder gesagt werden, dass die guten und sehr guten Ergebnisse bei der Liposuktion in erster Linie vom Operateur – und nicht von der eingesetzten Technik – abhängen.

Ist eine Liposuktion vor dem Auswandern in ein Land mit tropischem Klima sinnvoll?

Hitze, vor allem tropisch schwüle Hitze, fördert – auch bei Gesunden – Schwellungen in den Beinen. Bei Lipödemen, die ohnehin schon zu viel Gewebeflüssigkeit in den Beinen haben, werden dadurch bestehenden Beschwerden also noch weiter verstärkt. Da es bei einer Liposuktion meist gelingt, das Beinvolumen und damit auch das Ödemvolumen zu reduzieren, erscheint die Liposuktion besonders vor einem langen Aufenthalt in den Tropen sinnvoll.

 

Beste Grüße,
Prof. Dr. W. Schmeller 

Lies hier den ersten Teil des Experten-Beitrags:

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