Marilena
06.November 2018 | Mein Lipödem

Du im Mittelpunkt, ein Fotoshooting trotz Lipödem?

Liebe Leserinnen und Leser,

Wie gerne hätte ich schon vor Jahren an einem Fotoshooting teilgenommen.
Bisher fand ich immer kreative Ausreden um mich nicht meiner Angst stellen zu müssen:

„Wenn ich 60kg wiege, dann lasse ich mich fotografieren!“
„Wenn ich in das Kleid in Größe 38 passe, dann lasse ich mich ablichten!“
„Dich will doch niemand fotografieren, dass kann ich mir nicht leisten, ich werde bestimmt ausgelacht, ich bin kein Model, ich bin zu dick...“

Erkennst du dich in meinen negativen Gedanken wieder?

Werbung, da Namensnennung.

Nach 40kg Gewichtsabnahme und den Diagnosen Lipödem und Lymphödem meine „Makel“, meine dicken Arme und Beine und meine Kompression in den Fokus stellen? Das kann ich doch nicht machen? Bin ich es nur wert fotografiert zu werden, wenn ich gesund bin und dem aktuellen Schönheitsideal entspreche?

Aber wenn nicht jetzt, wann dann?

Die vermeintlichen Problemzonen bestehen meist nur im eigenen Kopf!

Häufig ist gerade bei Patientinnen mit Lip- und Lymphödemen auch nach starken Gewichtsabnahmen oder Liposuktionen die Selbstwahrnehmung verzerrt und stimmt nicht unbedingt mit dem äußeren Bild überein!

Aus Angst vor negativen Kommentaren und Scham über meinen Körper habe ich mich viele Jahre zurückgezogen und versteckt. Bloß keine Fotos von mir! Schon gar nicht von meinem Körper! Mein Partner kann meine Gedanken verstehen, auch wenn er meine „Fehler“ nicht als „Fehler“ sieht, da er selbst nach 100 kg Gewichtsabnahme mit der eigenen Wahrnehmung und der Selbstakzeptanz kämpft. Mich stören seine Hautfalten nicht und sie fallen mir auch nicht auf.

Die Wahrheit ist: Ich bin schön und ich bin es wert gesehen zu werden – und du bist es auch! Das Wort Selbstwert fasst es bereits gut zusammen: sich selbst wert sein.

Ein Schritt nach dem anderen...

  • Zunächst habe ich angefangen mich selbst liebevoll im Spiegel zu betrachten.
  • Mit meinem Handy begann ich mich – auch mit meine vermeintlichen Fehlern – zu fotografieren und die Fotos in einem Ordner zu speichern.
  • Vorsichtig habe ich die Fotos immer wieder betrachtet und gezielt für meine „Problemzonen“ positive Worte und Eigenschaften gesucht und gefunden.
  • Langsam begann ich zu erkennen: „So schlimm bist du doch gar nicht!“
  • Was gefällt dir an dir? Schreib es auf und ergänze die Liste.
  • Nach und nach begann ich dann Schnappschüsse auf Instagram zu teilen. Die befürchteten negativen Kommentare sind nicht eingetreten – im Gegenteil!

Als ein Arbeitskollege meines Partners uns das Angebot machte uns zu Übungszwecken auf TFP-Basis (time for pictures) zu fotografieren wusste ich: diese Chance muss ich nutzen!

Der Shootingtag

Dirk, unser Fotograf, war zum Glück ganz entspannt und wusste bereits im Vorfeld über meine Bedenken und Wünsche Bescheid. Das hat das Stressniveau für mich erheblich reduziert und ich kann nur empfehlen dich vorher mit deinem Fotografen abzusprechen.

Ich wollte zum einen ganz bewusst Fotos die mich mit meiner Kompression zeigen. Aber ich bin nicht nur meine Erkrankung und mein Hilfsmittel, deshalb war es meinem Partner und mir wichtig auch schöne Erinnerungen in Form von Paarfotos und Fotos für unsere Hochzeitseinladung zu erhalten in der die Kompression nicht im Mittelpunkt steht oder mit dem Outfit verschmilzt.

Da ich schon seit Jahren von einem Vintage Shooting geträumt habe, war der ungefähre Look schnell festgelegt.

Übung macht den Meister

Umso öfter die Kamera klickend auslöste und Dirk mir Anweisungen und Lob erteilte, desto sicherer wurde ich.

Immer wieder zeigte er uns die Aufnahmen und ich war überrascht: „Sollte diese schöne Frau wirklich ich sein?“

Ich wurde von Minute zu Minute lockerer und hatte wirklich Spaß!

Es gab einige Schaulustige die uns zeitweise beobachten. Mir schossen schnell destruktive Gedanken durch den Kopf: „Die denken jetzt bestimmt: wieso lässt sich so eine fette Kuh ablichten“, „die lachen mich aus!“

Fakt ist: Es geht mich nichts an, was andere über mich denken.

Wahrscheinlich haben sie nicht mal über mich nachgedacht und mein spekulieren bringt auch nichts – also fokussiere ich mich lieber auf das Wesentliche!

Die Ergebnisse des Fotoshootings

Dirk hat uns zum Glück sofort alle Fotos unbearbeitet auf einem Stick mitgegeben. Ich wäre vermutlich auch vor Spannung geplatzt, wenn ich nicht am selben Abend die Fotos hätte durchstöbern können.

Während mein Freund und ich die Ergebnisse betrachteten, traten meine gut eingeübten Gedankenmuster wieder schnell zum Vorschein und ich pickte meine vermeintlichen Fehler hervor: „Deine Arme sind echt ekelhaft, dein Trippelkinn stört (Doppelkinn wäre ja untertrieben 😉), und und und..."

STOP! Brems diese Gedanken! Nur weil dein Kopf so etwas sagt ist es noch lange nicht wahr! Vor allem ändern diese Beleidigungen nichts an deinem Aussehen oder deinem Wert als Mensch!

Ich bin gut genug so wie ich bin und du bist es auch!

Alle Fotos des Shootings werde ich nicht teilen, aber auf Instagram unter @noitabavaria sind immer wieder neue Bilder zu entdecken.

Vielleicht hast du ja Freunde, Bekannte oder Angehörige die dich ins richtige Licht rücken können? Wie alle Jahre steht auch Weihnachten bald wieder vor der Tür, vielleicht lässt du dich auch mit einem professionellen Fotoshooting beschenken oder beschenkst dich selbst?

Bitte vergiss nicht: Methoden die mir helfen sind vielleicht nicht dein Weg, denn es gibt nur einen richtigen Weg und das ist dein eigener – aber vielleicht kann der Baustein der Fotografie eine Option sein die du vielleicht noch nicht in Betracht gezogen hast?

In meinem nächsten Beitrag möchte ich über meinen persönlichen Weg zur Krankheitsakzeptanz berichten.

Alles Liebe,

Eure Marilena

 

© Die Fotos wurden von Dirk Ross aufgenommen. Ihr findet den Fotografen bei Instagram oder auf Facebook.

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1 Kommentare
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Steffi

Du bist wirklich eine so tolle und hübsche Frau. Du musst dich wirklich überhaupt nicht verstecken.

am 10.11.2018 | 07:58

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Der Kommentar wird in ein paar Minuten erscheinen.

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