Annette
31.Januar 2019 | Mein Lipödem

Dinner for One in der Lipödem Edition

Ihr Lieben, erst einmal wünsche ich euch allen ein frohes neues und vor allem gesundes Jahr 2019. Ich schreibe hier jetzt meinen zweiten Beitrag und hoffe er ist lesenswert.

An Silvester haben wahrscheinlich über die Hälfte von euch das legendäre Dinner for One im Fernsehen gesehen, oder? Ich könnte mich ja immer darüber kaputt lachen und benutze selber gerne den Spruch: „The same procedure as every year, James!" Dazu ist mir eine Idee gekommen.

Mein Dinner of Disease

Ich sitze am gedeckten Tisch in bester Gesellschaft all meiner Krankheiten und frage mich wie viel Platz da noch für meine Familie ist. Wir essen zu Abend und ich esse leider mal wieder zu viel und zu fettig. Tischnachbar Adipositas, der wirklich kein gern gesehener Gast ist, diskutiert das gerade ausgiebig mit dem Lipödem, als sich Herr von und zu Diabetes zu Wort meldet: „Wichtig ist, das die Blutzuckerwerte stabil sind, denn Folgeerkrankungen kann hier doch niemand gebrauchen.“ Natürlich erwidern die zwei anderen lautstark und klar, dass ein zu hohes Gewicht für alle drei kein wünschenswerter Zustand ist, denn das würde alles doch nur noch verschlimmern. Ja, ja das unterstützt das Lipödem mit dem Argument der verstärkten Schmerzen und das Lymphödem gesellt sich dazu. Ganz leise und schüchtern in der Ecke sitzt die Psyche und ihr steigen die Tränen in die Augen.

Alltagsprobleme mit Kompression

Ich lächle gequält und versuche so zu tun, als ob ein Schnitzel schneiden mit Kompressionsarmstrümpfen bis zu den Fingerspitzen keiner sonderlichen Aufmerksamkeit bedarf. Da reißt mich das Piepen der Insulinpumpe schon aus den Gedanken und erinnert mich daran, dass Herr Diabetes wieder einmal nach starker Aufmerksamkeit giert. In Gedanken stehe ich vom Tisch auf, um das Insulin aus dem Kühlschrank zu nehmen, braucht ja schließlich ein bisschen bis es Raumtemperatur hat und aufgezogen ist und die Ampulle in der Pumpe gewechselt ist und ach ja der Katheter neu gestochen … da zwickt es mich in der Kniekehle. Welche Überraschung, das Lipödem zwinkert mir zu und meint, es wolle mich nur an seine unerwünschte Anwesenheit erinnern. Danke an der Stelle an die Kompressionsbeinstrümpfe, die mich in jeder Lebenslage begleiten.

Zusatzerkrankungen zum Lipödem

Gott sei Dank hatte ich für das heutige Essen extra den nervigen Rückenschmerz ausgeladen. Der ist extrem anstrengend und behauptet immer, er wäre ja schließlich ein Familienmitglied und dieses kleine fehlende Teil am Lendenwirbel, hätte ich bei der Geburt aus genau diesem Grund nicht bekommen. Blöd nur, dass der auch immer an mir herumzerrt und bei Vernachlässigung mir einfach ein oder zwei Bandscheibenvorfälle vorbeischickt. Also merke: Schmerzen an der langen Leine lassen, aber niemals ignorieren. Der gleichen Meinung ist auch das Lipödem! Von dem bekomme ich immer konkrete Nachrichten an Beine und Arme. Telegraphisch aber klar verständlich: Schmerzen Stopp, Lymphödem Stopp, Kompression anziehen Stopp, Beine hochlagern Stopp, eincremen Stopp, usw.

Stille Begleiter im Alltag

Aber wir sitzen ja noch beim Abendessen, bei dem natürlich auch mein Mann und meine Tochter mit am Tisch sitzen. Wir plaudern darüber wie der Tag so war und ich höre aufmerksam zu. Andernfalls müsste ich wohl erzählen, dass ich mich heute Mittag wegen völliger Erschöpfung hingelegt und ich beim Anziehen der Armstrümpfe tierisch geflucht habe. Aber das muss ich gar nicht, denn die unaufgeräumte Wohnung ist mein Zeuge und schämt sich nicht, es jedem, vor allem dem Besuch, mitzuteilen. Interessanterweise haben sich Herr Hashimoto und Mr. Addison bisher noch nicht zu Wort gemeldet. Dieser Hashi, wie ich ihn immer nenne, ist eh ein etwas ruhigerer Geselle in dieser illustren Runde. Er will halt in der Früh mit Schilddrüsenhormonen gefüttert werden, nickt wenn ich wieder mal viel zu viele Haare in meiner Haarbürste finde und lehnt sich entspannt zurück wenn ich tatsächlich mal den Gang zur Waage wage. Dann fange ich an über diesen mysteriösen Mr. Addison nachzudenken. Er sitzt da, ganz still und unscheinbar. Er macht fast den Eindruck, als bräuchte er nichts, aber der Schein trügt und wie.

Familie und Krankheiten unter einen Hut bekommen

Mit meiner Familie besprechen wir gerade was wir morgen am freien Tag unternehmen wollen..... da hat meine Tochter die Idee ins Legoland zu fahren! Innerlich verdrehe ich die Augen, weil ich weiß welche Diskussion das jetzt auslöst. Mr. Addison springt auf und meckert, das dann jawohl der Wecker wieder einmal um 5 Uhr klingelt und das am Wochenende. Ich nicke heftig, denn er braucht nach einer Portion Hydrocortison schließlich noch eine Stunde um sich dann aus dem Bett zu quälen. Der Hashi denkt sich glaube ich gerade, gut das er es gesagt hat, denn meine Portion wird gleich mit eingeworfen und damit auf jeden Fall mit dem Mindestabstand zum Frühstück. Das Lipödem dreht sich zu mir um und fordert mindestens eine halbe Stunde extra Zeit in der Früh für sich! Denn nach dem Duschen ist erst einmal ausführliches eincremen angesagt. Diese trockene Haut ist sonst ja nicht in den Griff zu bekommen. Anschließend in Arm-und Beinkompression zu quetschen, nach angemessener Trocknungszeit, dauert halt. Dem stimme ich absolut zu, aber gebe zu bedenken, dass ich die Kompressionskleidung am Abend noch waschen muss, damit ich am Morgen in die frisch gewaschene und auch trockene Kompression schlüpfen kann.

Von der Krankheit nicht unterkriegen lassen

Ja wie man sich vorstellen kann, verursacht die Planung eines Ganztagsausflugs manchmal auch negative Gefühle. Davon will ich mich aber nicht beeinflussen lassen und sage, dass es eine tolle Idee sei, ins Legoland zu fahren. Meine Tochter freut sich riesig und umarmt vor überschwänglicher Freude die Psyche, die nach wie vor in der Ecke sitzt, sich den Teller randvoll geschaufelt hat und keinen Ton von sich gibt.

Rückhalt durch die Familie

Mein Mann ist ebenfalls begeistert von der Idee, aber schaut mich etwas besorgt an, so als ob er fragen wollte. „Schatz, sicher dass dir das nicht zu viel ist?“ Auf die Möglichkeit einen Rückzieher zu machen, will ich aber gar nicht eingehen. Irgendwie reden alle am Tisch durcheinander und ich versuche den Dinner Gästen zu vermitteln, dass ich lieber nur mit meinem Mann und meiner Tochter den Ausflug machen möchte. Da bricht schallendes Gelächter aus. Herr von und zu Diabetes prustet los, da ohne ihn gar nichts geht, schon das Frühstück vor dem Ausflug nicht! Das Lipödem will auch auf keinen Fall daheim bleiben, denn es braucht ja schließlich viel Bewegung und das in komprimierter Form. Ansonsten hätte ich ja mittags schon so viel Wasser eingelagert, dass ich es bereuen würde. Ich weiß, das Mr. Addison nie lacht und das tut er auch diesmal nicht. Kein Kortison? Kein Ausflug und kein Leben!

Planung ist alles

Die Psyche schaut ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schreit: „Aber ich will diesen Ausflug machen! Ich will Familienzeit und Spaß haben, ohne mir immer das Gequatsche von euch Idioten anzuhören! Ja gut ok, wir machen Pausen für jeden von Euch, schleppen einen gut gepackten Rucksack den ganzen Tag mit uns herum, mit all den Dingen, die ihr alle braucht. Von Messgerät, Traubenzucker, Tabletten und Notfallspitzen bis hin zu Handschuhen für über die Handschuhe, so bescheuert das auch ist. Es werden Schuhe angezogen die bequem sind und in denen es keine Druckstelle gibt. Weder für Herrn Diabetes noch für das Lipödem. Es wird Ausschau gehalten nach Parkbänken, um ab und zu die Beine kurz hoch zu lagern. Den Blutzucker messen kann man mittlerweile ja auch schnell mal unterwegs. Jeder soll hier sein Recht und seine Zuwendung bekommen, aber jetzt haltet alle den Mund, denn jetzt ist Annette dran!“

Lachen ist die beste Medizin

Langsam, ganz langsam fange ich an zu klatschen vor Begeisterung und aus Zustimmung. Erst ganz zaghaft, aber dann immer lauter. Mann und Tochter klatschen mit und wir lachen. Wir lachen gemeinsam ausgelassen über diese, wie ich sie nenne Freak Show, in der es keine Zuschauer gibt.

Ich danke euch fürs Lesen. Mein Dinner of Disease sollte keine Jammer Triade werden. Wollte ich doch nur zeigen, dass es trotz Lipödem, auch in Verbindung mit anderen Krankheiten, immer etwas zum Lachen gibt. Manchmal mit Sarkasmus, manchmal durch die Hilfe der Familie oder auch einfach weil das Leben schön ist!

PS: Den Rückenschmerz haben wir nicht mit ins Legoland genommen.

Liebe Grüße und bis bald

Annette

Dein Experte vor Ort unterstützt Dich!

Du suchst ein Sanitätshaus oder einen Fachhändler in Deiner Nähe, der Deine Fragen zum Thema Lipödem beantwortet und Dir professionelle Beratung bietet? Dann nutze unsere Fachhändlersuche.

Jetzt Experten finden
10 Kommentare
Kommentieren
Christina_Rick

Alles Gute... wollte ich noch schreiben

am 02.02.2019 | 11:24
Christina_Rick

Liebe Annette, ich sitze hier beim Frühstück und heule über der Lektüre deines wunderbaren Beitrags. Du bist so stark und hast einen tollen Humor. Mach weiter so! Ich wünsche dir und deiner lieben Familie

am 02.02.2019 | 11:22
Annette

Liebe Christina, ich danke dir. Zum heulen wollte ich dich aber nicht bringen! Ich denke einfach, dass es wichtig ist das Leben zu genießen. ja mit Einschränkungen, aber dann muss das Leben halt angepasst werden!

am 04.02.2019 | 08:16
Ellischa

Liebe Annette,
der Artikel ist super. Ich habe auch mal versucht, alle auszusperren. Doch die kriechen ja durch jedes Schlüsselloch, durch jedes Fenster, etc. Diese Gäste habe ich auch.
Ich finde es schön, dass Deine Familie auch Verständnis für Dich hat, dass Du morgen länger brauchst.
Mein Mann versteht es auch, aber meine Eltern … Der Vorlauf morgens ist einfach immens.
Liebe Grüße
Ellischa

am 01.02.2019 | 15:05
Annette

Liebe Ellischa, natürlich muss man nicht alle Erkrankungen umarmen, aber ausperren funktioniert ja eben nicht. Hilft also nix! Immer das Beste daraus machen und die schlechten Tage auch mal zulassen.

am 04.02.2019 | 08:17
Diana

Liebe Annette, mir ging es wie Nelly oben , gelacht und geweint . Ich habe auch noch einiges dazubekommen erst lymph und Lip an Armen und Beinen, bin am Darm operiert an der Brust, Hashimoto , laktoseintollerant , Arthrose ........bla bla bla ....und Stelle mir gerade meinen Tisch so vor . Wegen der Psyche auch schon in Behandlung und so weiter . Dein Text ist sehr erfrischend und ehrlich zugleich ich bekomme ständig zu hören, ich solle nicht so über die Krankheiten nachdenken , aber das schafft man nicht immer wenn sie dann mal wieder mit da sitzen ......Mich bauen dann Ausflüge mit Familie und Enkeltochter sehr auf auch wenn es manchmal eben nur kleine sind . Also , getreu nach dem Motto , wir lassen uns nicht unterkriegen . Und bitte schreib weiter solch erfrischenden Beiträge . Ganz liebe Grüße Diana

am 01.02.2019 | 10:11
Nelly

Liebe Annette,
dein Beitrag ist herzerfrischend und gleichzeitig sehr traurig!
Ich habe gelacht und geweint!
Toll wie du mit all den ungebetenen Gästen umgehst! Ich tu mich da manchmal schwer mit aber versuche sie auch mit Humor in mein Leben zu lassen! Lass dich nicht unterkriegen!! Lg Nelly

am 31.01.2019 | 20:30
Annette

Liebe Nelly, jmd zum weinen bringen war wirklich nicht meine Absicht! Ich bin immer noch der Meinung das Lachen die beste Medizin ist und deshalb ist Humor so wichtig. Auch ich habe mal schlechte Tage und das ist auch ok, aber wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen!

am 01.02.2019 | 08:22
Annette

Liebe Tanja, ich danke dir für deine lieben Worte.

am 31.01.2019 | 13:47
Tanja75

Liebe Annette,
ich möchte dir ganz lieb für deinen herrlichen Beitrag danken.
Konnte mir deine illustre Runde gut vorstellen.
Auch ich sehe meine Krankheiten mit viel Selbstironie/Sarkasmus.
Anders geht es -zumindest bei mir- nicht.
Sei ganz lieb gebrüßt von Tanja

am 31.01.2019 | 11:49

Dein Kommentar wurde erfolgreich abgeschickt.
Der Kommentar wird in ein paar Minuten erscheinen.

Unsere Blogger

Leben mit Lipödem: Diese tollen starken Frauen erzählen Dir aus ihrem Alltag! Schau doch mal rein in ihren Blog.

Unsere Experten-Blogger

Experten zum Lipödem: Diese Spezialisten berichten aus ihrem jeweiligen Fachgebiet und stehen Dir mit ihrem Rat zur Seite.

Blogger werden

Du hast ein Lipödem, kennst Dich gut damit aus oder hast Angehörige, die ein Lipödem haben? Du schreibst gerne oder hast vielleicht schon Deinen eigenen Blog? Dann bewirb Dich bei uns als Blogger.

Jetzt Blogger werden
Netiquette

Wir wollen, dass Du von dieser Seite profitierst. Du findest hier starke Frauen, die über ihr Lipödem schreiben ‒ eine sehr persönliche und intime Sache! Deshalb bitten wir alle User um einen netten Umgangston miteinander. Vielen Dank.

8 goldene Regeln