
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich weiß, dass ich dir in meinem ersten Blogbeitrag einen zweiten Teil versprochen habe. Und keine Sorge: Er wird kommen, versprochen.
Heute spüre ich jedoch den Impuls, über etwas anderes zu schreiben. Über etwas, das möglicherweise nicht oft so klar ausgesprochen wird und das vielen Menschen, die nicht selbst von Lipödem betroffen sind, oft nicht bewusst ist.
Vor Kurzem habe ich mich gefragt, ob es Tage gibt, an denen mich mein Lipödem nicht belastet.
Die ehrliche Antwort lautet: Nein.
Natürlich gibt es Tage, an denen die Schmerzen etwas geringer sind und andere, an denen sie besonders stark sind. Aber Lipödem bedeutet nicht nur Schmerzen. Es ist so viel mehr. Es ist eine Mischung aus sichtbarer und vor allem unsichtbarer Last.
Selbst an Tagen, an denen die Schmerzen nicht im Vordergrund stehen, ist das Thema trotzdem dauerhaft präsent. Und ich denke, du kennst das als Betroffene wahrscheinlich nur zu gut.
Wenn es nicht die Schmerzen sind, die mich belasten, dann ist es meine Ernährung.
Dieses Gefühl, mehr tun zu müssen. Konsequenter sein zu müssen. Meinem Körper noch mehr helfen zu können, wenn ich es endlich „richtig“ machen würde.
Da ist dieser ständige Druck, den wir uns machen und da sind die Verpflichtungen:
Arzttermine, Lymphdrainagen, das Anpassen der Kompressionsversorgung, neue Verordnungen organisieren, Termine koordinieren und vieles mehr.
Das alles nimmt Raum ein. Nicht nur im Kalender, sondern auch im Kopf.

Manchmal schleicht sich dann ein unangenehmes Gefühl in mir hoch: Schuld.
Ich fühle mich schuldig, weil ich denke:
„Ich bin doch nicht todkrank.“
„Anderen geht es viel schlechter als mir.“
„Ich darf mich eigentlich nicht beschweren.“
„Es gibt schließlich Schlimmeres.“
Doch nur weil es Menschen gibt, denen es schlechter geht, macht das die eigenen Herausforderungen nicht weniger real.
Trotzdem ertappe ich mich immer wieder bei genau diesen Gedanken.
In solchen Momenten – manchmal auch an ganzen Tagen oder Wochen – hasse ich einfach alles an dieser Erkrankung.
Dann wünsche ich mir, ich könnte sie einfach aus meinem Leben verbannen. Wie einen dicken Eiterpickel, den man am liebsten herausschneiden würde. Natürlich macht man das nicht, weil man weiß, dass es keine vernünftige Lösung ist. Aber der Wunsch, dass all das einfach verschwindet, ist da.
Und so greife ich am Ende eines solchen Tages manchmal doch wieder zur Chipstüte oder zur Tafel Schokolade. Nicht, weil ich hungrig bin. Sondern weil ich für einen kurzen Moment all diese unangenehmen Gefühle, Gedanken und Verpflichtungen betäuben möchte. Bis die Packung leer ist und ich mich am Ende noch schlechter fühle als vorher.

Und weißt du was? Vielleicht ist genau das ein Teil des Problems.
Dass wir versuchen, stark zu sein. Dass wir uns sagen, andere hätten es schlimmer.
Dass wir unsere Frustration, unsere Wut und unsere Erschöpfung immer wieder klein reden.
Lipödem ist nicht nur das, was man von außen sieht. Es sind nicht nur die Schmerzen. Es sind die Gedanken, die Schuldgefühle, die ständige Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und die vielen kleinen und großen Aufgaben, die diese Erkrankung mit sich bringt.
Und manchmal ist das einfach verdammt anstrengend.
Ich habe keine perfekte Lösung für diese Tage und ich schreibe diesen Beitrag nicht, weil ich alles im Griff habe. Ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass wir ehrlicher darüber sprechen dürfen, wie es uns wirklich geht.
Vielleicht erkennst du dich in meinen Worten wieder. Vielleicht hattest du heute selbst so einen Tag.
Dann möchte ich dir nur eines sagen:
Du bist mit diesen Gedanken nicht allein.
Alles Liebe,
Eure Sandra
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Ein Kommentar
Danke für deine offenen und aufrichtigen Beitrag! Mir geht es wie dir. Und ich hadere, wandle und schwanke auch ständig zwischen diesen Gedanken, Gefühlen und durchaus auch Taten ( die Schoki und so) ….. ich sehe das wie du! Ja, es gibt schlimmere Erkrankungen, aber das macht die eigene Last nicht kleiner und weniger zermürbend und herausfordernd…. es ist und bleibt eine tägliche Aufgabe damit zurecht zu kommen… und jeden Tag mit Schmerzen und Einschränkungen leben ist kein Zuckerschlecken, auch wenn wir Glück haben, dass uns diese Erkrankung, rein biologisch betrachtet, nicht das Leben kosten kann. Liebe Grüße, voller Verständnis, Annette ❤️