
Es gab Zeiten, da habe ich meinen Körper nicht nur abgelehnt – ich habe gegen ihn gekämpft.
Ich stand vor dem Spiegel und habe meine Beine fixiert, als wären sie der Beweis dafür, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Habe mich gefragt, warum sie nicht einfach „normal“ sein können.
Wie oft hatte ich früher Gedanken, die mich heute noch erschrecken.
Ich wollte dieses Fett an den Beinen loswerden. Radikal. Sofort.
Ich habe nicht verstanden, warum ich immer zuerst am Oberkörper abnehme – aber nie an den Beinen. Warum mein Körper sich nicht an meine Wünsche hält. Trotz Beintraining.
Ich dachte, er macht das mit Absicht.
Heute weiß ich:
Er war nie mein Gegner. Er war bzw. ist krank. Ich lebe mit Lipödem und mit Adipositas – zwei chronischen Erkrankungen, die sich gegenseitig verstärken können. Und lange habe ich nicht verstanden, dass das nichts mit Versagen zu tun hat.
Adipositas ist nicht „einfach zu viel“ und ein Lipödem verschwindet nicht durch Disziplin.
Aber die Scham? Die war immer da.
Nach meiner Magen-OP habe ich stark abgenommen.
Mein Oberkörper wurde schmal. Mein Gesicht feiner. Meine Kleidung plötzlich mehrere Größen kleiner.
Meine Beine wurden zwar auch schmaler, aber das Lipödemfett blieb.
Ich sah aus, als würden zwei Körper zusammengehören, die sich nicht abgesprochen haben.
Ich fühlte mich fremd in meiner eigenen Haut.
Als ich später wieder zunahm, kam die Scham mit voller Wucht zurück. Warum habe ich meine Chance nicht genutzt?
Warum nehme ich wieder so stark an den Beinen zu? Und ich habe meine Beine wieder gehasst.
Ich sage das so klar, weil es die Wahrheit ist.
Ich würde auch heute nicht behaupten, dass ich meine Beine liebe.
Aber ich hasse sie nicht mehr.
Das ist ein Unterschied.
Was ich nie erwartet hätte: Dass mein Weg zu mehr Selbstwert im Kleiderschrank beginnt.
Ich habe irgendwann aufgehört, mich in Kleidung zu zwängen, die meinen Körper „korrigieren“ sollte und angefangen, Kleidung zu tragen, die ihn respektiert.
Die richtige Mode hat etwas in mir verändert. Nicht mein Gewicht – aber meine Haltung.
Ich habe gemerkt: Ich darf sichtbar sein. Auch mit starken Beinen. Auch mit Kurven. Auch mit Kompression.
Und ja, meine Kompression war lange mein persönliches Stigma. Ein sichtbares Zeichen meiner Krankheit.
Heute bin ich dankbar für sie.
Sie gibt mir Halt. Sie nimmt Druck. Sie schenkt Stabilität.
In Kleidern fühle ich mich mit ihr oft kraftvoll – fast wie gerahmt. Ich fühle mich wohler.
In Hosen manchmal weniger. Da spüre ich sie stärker und fühle mich oft eingeengt. Wenn Hose, dann muss Sie Locker drüber sitzen.
Aber die Kompression ist kein Makel. Sie ist Unterstützung.
Allein diese Perspektive hat mein Selbstwertgefühl wachsen lassen.
In meinem Umfeld höre ich inzwischen oft: „Dann mach doch eine Lipödem-OP.“
Ja, die Möglichkeit gibt es. Aber ich habe aus meiner Magen-OP eines gelernt:
Eine Operation verändert den Körper. Aber sie verändert nicht automatisch das Denken.
Nicht das Essverhalten. Nicht die Beziehung zu sich selbst.
Bevor ich über eine weitere OP oder andere Hilfsmittel nachdenke, möchte ich erst meine seelische Gesundheit stärken und mein Essverhalten nachhaltig verändern – alles andere wäre nur Symptombekämpfung.
Nicht aus Angst. Sondern aus Selbstverantwortung.
Ich will nicht nur leichter werden. Ich will stabil sein. Innerlich.
Ich habe lange geglaubt, ich müsse meinen Körper erst verändern, um ihn lieben zu dürfen.
Heute weiß ich: Respekt kommt vor Liebe. Mein Körper trägt mich. Er kämpft täglich mit zwei chronischen Erkrankungen.
Er leistet mehr, als ich ihm lange zugetraut habe.
Und meine Seele?
Die lernt gerade, nachzukommen. Selbstwert entsteht nicht durch eine Zahl auf der Waage.
Nicht durch eine Kleidergröße. Nicht durch eine OP.
Sondern durch die Entscheidung, sich selbst nicht länger als Gegner zu betrachten.
Ich bin nicht perfekt. Mein Körper auch nicht. Aber wir sind ein Team und wir gehen diesen Weg gemeinsam.
Vielleicht beginnt echte Heilung nicht im Spiegel, sondern in dem Moment, in dem wir aufhören, uns selbst abzulehnen.
Probier es doch auch mal aus, Deine Sabine
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