Julia
18.Oktober 2018 | Mein Lipödem

Lipödem und Partnerschaft: Wie ich dem Selbstmitleid Beine machte

Ich heiße Julia, bin 28 Jahre alt und mache derzeit meinen Master in Kulturwissenschaften. Im April diesen Jahres bekam ich die Diagnose Lipödem Stadium 2, und der erste Versuch meine Kompressionsversorgung anzuziehen, war der Beginn eines etwa zweiwöchigen Bades in Selbstmitleid. Als dann noch die verrückte Angst dazu kam, mein Partner würde mich durch die Diagnose weniger begehren, wagte ich ein einfaches Gedankenspiel – mit weitreichenden Folgen.

Die Kompression und ich – oder: Wie soll das alles da reinpassen?

Obwohl es erst wenige Monate her ist, werde ich den Moment wohl nie vergessen. Es war an einem Vormittag im Mai, der so heiß war, als habe er sich im Monat geirrt. Ich saß auf dem Bett, um zum ersten Mal meine Kompressionsstrumpfhose anzuziehen, die ich kurz zuvor aus dem Sanitätshaus geholt hatte.  Also streifte ich die Handschuhe über die Hände, damit ich den störrischen Stoff besser greifen konnte, zog mir die Anziehhilfe über den linken Fuß und begann damit, meine Beine in diese Strumpfhose zu zwängen. Der Beginn eines 25-minütigen Kampfes. Mir war ja klar gewesen, dass „Kompression“ von „komprimieren“ kommt und „komprimieren“ nur mit Druck funktioniert – aber damit hatte ich nicht gerechnet. Wie sollte das alles da reinpassen??

Durch die Hitze schwitzte ich, was dazu führte, dass die Strumpfhose sich ab einem gewissen Punkt keinen Millimeter mehr bewegte. Egal wie viel Kraft ich aufwendete, sie rollte sich etwa in der Mitte der Oberschenkel ein und löste damit einen Schwall an Lipödem Schmerzen aus, die mir den Magen flau werden ließen. Leider habe ich eine Tür unseres Spiegelschrankes vor mir wenn ich auf meinem Bett sitze (eine Tatsache, die am frühen Morgen auch ohne Kompressionsstrumpfhose regelmäßig zu unschönen Begegnungen führt).

Also sah ich mich während meines verzweifelten Kampfes mit der Strumpfhose zu allem Überfluss auch noch mit meinem Spiegelbild konfrontiert. Was für ein jämmerlicher Anblick, dachte ich: Eine junge Frau mit verheulten Augen, die Stirn schweißnass, die Haare strubbelig, gescheitert beim Versuch, das eigene Fett zu verstauen. Eine junge Frau, deren Unterkörper wirkte, als habe ihn jemand in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einer deutlich korpulenteren Frau entwendet – die nun fälschlicherweise mit den Beinen herumläuft, die mir eigentlich zugestanden hätten: nämlich Beine in Größe 40, passend zum Oberkörper.

Ja, manchmal fühlte ich mich wirklich wie aus einem dieser Kinderbücher geschlüpft, bei denen man Kopf, Rumpf und Beine getrennt voneinander umblättern kann. Wie oft im Leben hatte ich mir beim Blick in den Spiegel schon gewünscht, es wäre so – und ich könnte zurückblättern. In diesem Moment tat ich ausschließlich eines: Ich bemitleidete mich und zwar aus so tiefem Herzen, dass selbst Mutter Theresa beeindruckt gewesen wäre.

Mein Leben, kontrolliert von einer kirschroten Kompressionsstrumpfhose

Die darauffolgenden Tage waren eine Qual. Jeder Toilettengang wurde zum Drama, denn sobald die Kompressionsversorgung einmal halb unten war, bekam ich sie einfach nicht wieder hoch! Es ging sogar so weit, dass ich anfing, absichtlich weniger zu trinken, um seltener zur Toilette zu müssen – ein Vorhaben, das mir Gott sei Dank von der frühsommerlichen Hitze schnell wieder ausgetrieben wurde.

Und dennoch: Mein Leben wurde kontrolliert von einer kirschroten Strumpfhose. Meine Gedanken kreisten nur noch um die Kompression – wann ziehe ich sie am besten an, wann aus? Bis wann muss ich sie gewaschen haben, damit ich mich am nächsten Tag rechtzeitig wieder hineinquälen kann? Wie soll ich es auf Reisen machen? Und zu welcher Tageszeit gehe ich am besten zum Sport? Ja, ich will so ehrlich sein, bis in die intimsten Sphären kontrollierte mich diese Strumpfhose. Denn einmal ausgezogen, würde ich sie bestimmt nicht wieder anziehen...

Irgendwann bemerkte mein Mann dann – vorsichtig, aber erkennbar genervt –, ich würde fast nur noch von dieser Strumpfhose sprechen. Daraufhin stieg das Selbstmitleid erst einmal ins Unermessliche. Denn was weiß er schon über mein Leid?! Und als wäre es nicht schon selbstzerstörerisch genug, sich pausenlos zu bemitleiden, kam dann auch noch wie aus dem Nichts diese verrückte Angst dazu. Die Angst davor, nicht mehr geliebt, nicht mehr begehrt zu werden. Als ich meinem Mann dann heulend in den Armen lag und ihm von meinen Befürchtungen erzählte, wusste der überhaupt nicht, was ich damit meinte.

Dem Selbstmitleid Beine machen – das Gedankenspiel

Der kleine Teufel in meinem Kopf hatte mir also tatsächlich erfolgreich eingeflüstert, dass der Mann, der mich im letzten Jahr geheiratet hatte, durch die Diagnose Lipödem – zack! – von einem Tag auf den anderen feststellen würde: „Krass, hat meine Frau dicke Beine! Oooh, hätte ich da mal vorher genauer hingesehen! Jetzt, wo ich das weiß, gucke ich nur noch auf ihre Oberschenkel und denke mir jedes Mal: Ach, hätte sie doch dünnere Beine!“

So weit, so bescheuert. Doch für mich waren diese Gedanken in jenem Moment furchtbare Realität. Gott sei Dank gibt es aber neben dem Teufelchen auch immer das Engelchen im Kopf, und das schaltete sich dann auch bald darauf energisch ein. Denn ich wagte ein Gedankenspiel: Woran denke ich und wo schaue ich hin, wenn ich meinen Mann sehe – wenn er nach Hause kommt, wenn ich ihn mit unserem Hund spielen sehe, wenn wir zusammen zu Abend essen, wenn wir spazieren gehen? Glaubt ihr im Ernst, ich denke an seine Beine, seine Arme, seine Nasenspitze, seine Ohren oder daran, dass seine Haare blond sind und nicht braun?? Nein. Und genauso wenig wie ich meine Zeit damit verbringe, über die körperliche Beschaffenheit meines Ehepartners zu sinnieren, tut er es.

Mir wurde ein für alle Mal klar, dass der einzige Mensch auf der Welt, der ständig über Maße und Form des eigenen Körpers nachdenkt, man selbst ist. Außer, man lässt es.

Eure Julia

4 Kommentare
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Christina_Rick

Sehr wahr und sehr witzig geschrieben.
Ich nehme an, jetzt im Herbst geht es leichter mit der Kompression?

am 18.10.2018 | 15:30
M.

Da hast du recht, sehr schön geschrieben.

am 18.10.2018 | 08:35
Susi He

Hallo Julia, ich kann dich so gut verstehen! Meine Diagnose bekam ich damals 4 Wochen vor unserer Hochzeit und auch ich fragte meinen To_Be Mann, ob er sich das wirklich antun will. Die Aussicht, einmal als Pflegefall am Rollator zu enden und das bereits mit Mitte/ Ende 30 war für mich damals auch ein absoluter Alptraum! Auch meiner machte ein komisches Gesicht und fragte mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte!? ... er liebt mich so, wie ich bin und wir stehen alles gemeinsam durch! Kopf hoch und immer dran denken - dafür müssen wir NIE Socken suchen :P

am 18.10.2018 | 08:34
Julia

Saugut, das mit den Socken denke ich mir auch immer mal wieder. :D Ja, das einzige, was hilft, ist eine positive Lebenseinstellung - und nach Möglichkeit ein liebender Partner, der einen unterstützt. :)

am 18.10.2018 | 09:20

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