Prof. Schmeller
02.Januar 2020 | Allgemein

Das Lipödem – Antworten von Prof. Dr. med. Schmeller

Das Lipödem ist leider ein noch nicht all zu weit erforschtes Feld, das weiß auch unser FRAUENSACHE Experte Prof. Dr. med. Wilfried Schmeller aus der Hanse-Klinik in Lübeck.

Frage 1: Ich habe das Problem dass ich gerne schwanger werden möchte. Leider sagt mir mein Hausarzt, dass dies mein Lipolymphödem stark verschlechtern wird. Außerdem soll keine Lymphdrainage, keine Medikation und keine Strumpfversorgung in der Schwangerschaft erlaubt sein. Ist dies korrekt und gibt es irgendwelche Medikamente (derzeit nehme ich HCT) welche während der Schwangerschaft bedenkenlos genommen werden dürfen.

Eine Schwangerschaft kann in der Tat ein bestehendes Lipödem verschlechtern, muss es aber nicht. Der Verlauf ist im Einzelfall – leider – auch nicht vorhersehbar. Bei Ödemen in der Schwangerschaft sind sehr wohl Lymphdrainagen (bauchfern!) sowie eine Strumpfversorgung erlaubt. Die Strumpffirmen bieten unterschiedliche Strümpfe und passende Kompressionsmöglichkeiten speziell für den „dicken Bauch“ bei Schwangerschaft an.

Bezüglich der (erlaubten) Medikamente bitte ich, Ihren Gynäkologen (und keinen Lymphologen) zu fragen; dies hängt vom Zeitpunkt der Schwangerschaft, vom Medikament sowie der Art und Schwere der Erkrankung ab. „Bedenkenlos“ darf allerdings in der Tat KEIN Medikament in der Schwangerschaft genommen werden.

Frage 2: Ich habe im Frühjahr die Diagnose Lipödem bekommen, habe auch Adipositas. Der Arzt meinte, das käme vom Übergewicht. Nun leide ich auch unter einer primären progressiven Multiplen Sklerose, die mir im Alter von 59 Jahren diagnostiziert wurde. Durch immer noch nicht ganz angepasste Therapie habe ich eigentlich immer Schmerzen. Manuelle Lymphdrainage (2x pro Woche) wurde mir erst nach vehementem Nachfragen verordnet. Muss ich etwas wegen meiner MS dabei beachten?

Da ich weder Ihre Größe noch Ihr Gewicht kenne, kann ich auch zu Ihrem BMI und somit dem Ausmaß Ihrer Adipositas nichts sagen. Es ist aber in der Tat so, dass in der Altersklasse um 60 ein Lipödem häufig von einer Adipositas begleitet ist und man beide Erkrankungen konsequent behandeln muss. Wenn die Adipositas sehr ausgeprägt ist, ist die alleinige klassische Lipödembehandlung oft nur (sehr) begrenzt wirksam.

Und: Bei der Multiplen Sklerose (MS) ist meines Wissens eine Manuelle Lymphdrainage erlaubt. Unklar ist jedoch, ob Operationen zu einer Verschlimmerung dieser Erkrankung führen können. Daher ist man verständlicherweise mit Liposuktionen SEHR zurückhaltend.

Frage 3: Seit 2018 ist das Lip-/Lymphödem diagnostiziert worden. Geahnt habe ich es schon früher, meine Hausärztin riet mir zu Kompressionsstrümpfen gegen die Ödeme. In der Schwangerschaft habe ich Stützstrumpfhosen getragen, aber die Gewichtszunahme von über 17 kg hat mir sehr zu schaffen gemacht. Jetzt nach einer KPE, KOMPRESSIONSBESTRUMPFUNG, MLD UND LYMPHOMAT habe ich ca. 13-15 cm weniger Oberschenkelumfang. Meine Strümpfe kneifen so stark in den Kniekehle, sodass ich sie nicht gerne trage, trotz Trikotfutter. Laut MRT habe ich keine Bakerzyste, sondern Lipomatose. Dazu rutschen die Strümpfe am Oberschenkel, trotz richtiger Abmessung und neuer Versorgung. Nun habe ich festgestellt, dass mein Bauchumfang zugenommen hat - ich trage auch eine Bermudahose! Lymphstau im Bauch? Eine Ovarialzyste ist vorhanden aber keine Komplikation - wird alle 1/2 Jahre kontrolliert. Tumormarker o.k. - Was können Sie mir raten?

Sie haben die nachteilige Wirkung der Schwangerschaft auf das Gewicht (und wohl auch auf das Lipödem) erlebt. Ist die Kompressionsbestrumpfung eine Flachstrickware? Zum schlechten Sitz und zu Einschnürungen kann ich so nichts sagen, dies müsste vor Ort bei der Strumpfversorgung angesprochen werden. Ihr aktuelles Gewicht (Zunahme am Bauch) wurde nicht angegeben. Mit Bestrumpfung, Manueller Lymphdrainage und apparativer intermittierender Kompression nutzen Sie ja bereits die möglichen Therapieoptionen. Wäre evtl. die Vorstellung in einem Adipositaszentrum sinnvoll? Gute Informationen und wichtige Tipps erhält man oft auch in Lymphnetzen oder auch bei Selbsthilfegruppen (im Internet nachsehen).

Frage 4: Wenn das Lipödem nach einer Schwangerschaft ausbricht oder sich verschlechtert, gilt das auch nach einem Schwangerschaftsabbruch?

Über den Verlauf des Lipödems nach Schwangerschaftsabbruch konnte in der wissenschaftlichen Literatur nichts gefunden werden. Auch zum Thema Schwangerschaft gibt es zwar viele Kommentare und Einzelbeobachtungen im Internet, aber kaum wissenschaftliche Untersuchungen. Es ist daher praktisch nicht möglich, befriedigende Antworten zu diesen berechtigten Fragen zu geben. Eigene Erfahrungen - mit sehr geringen Patientenzahlen – zeigten sowohl Verschlechterungen als auch keine weitere Verschlimmerung nach Schwangerschaft.

Frage 5: Mich würde interessieren, ob man das krankhafte Fett vom normalen Fett unterscheiden kann oder vermischt es sich bei dem Lipödem Betroffenen?

Fettzellen aus dem Lipödemgewebe vom Patientinnen weisen gegenüber Fettzellen von Gesunden mehrere Unterschiede auf. So wurden u.a. beschrieben: Verschiebungen von Elektrolyten (Natriumgehalt im Gewebe), Veränderungen von Zellorganellen (z.B. Mitochondrien, Änderungen der Sekretionsfähigkeit der Adipozyten)

Ob sich im vom Lipödem betroffenen Gebiet auch zusätzlich „normale“ Fettzellen finden, ist unklar.

Leider haben bisher alle Befunde von Veränderungen an Fettzellen zu keiner wirklichen Konsequenz geschweige denn zu einer Umsetzung in neue Therapiekonzepte geführt.

Frage 6: Ich habe mit dem Walken und Joggen angefangen aber das halte ich keine 5 km am Stück durch, da die Beine wieder lahm werden und schmerzen. Ich bin 160 cm groß und wiege 57 kg; der Venenarzt hat mir den Rat gegeben, meine Ernährung umzustellen und an meinem Übergewicht zu arbeiten. Auch hat er mich informiert, dass es das Lipödem nicht gibt. Hier sein Befund: \"Zusammenfassend findet sich keine venöse Pathologie. Ein sogenanntes Lipödem existiert nach neusten Veröffentlichungen nicht, es handelt sich um eine Lipohypertrophie, wobei die Beschwerdesymptomatik vermutlich auf entzündlichen Komponenten beruht. Eine Kompressionstherapie macht deshalb keinen Sinn. Ich habe die Patientin ausführlich aufgeklärt und empfehle eine Einlage, insbesondere für die Sportschuhe.\" Solche Einlagen habe ich nun, aber mir tun die Beine weh und schwellen stark an. Als ich die Bilder von Lipödem Stufe 3 gesehen habe, habe ich angefangen zu weinen; meine Mutter hat genau solche Beine. Aktuell hab ich so Angst das ich seit 7 Wochen nie mehr als 800 kcal. zu mir nehme damit ich nicht noch dicker werde. Haben Sie einen Rat, welchen Arzt ich aufsuchen könnte?

Bei einem Körpergewicht von 57 kg und einer Größe von 160 cm haben Sie doch kein Übergewicht! Eine Diät ist sinnlos und sollte definitiv nicht durchgeführt werden.

Bezüglich der Beurteilung des Lipödems sind in den letzten 2 Jahren neue Theorien und Hypothesen publiziert worden. Diese Theorien (keine Ödeme, entzündliche Ursache der Schmerzen, Sauerstoffmangel im Gewebe) werden jedoch sehr widersprüchlich diskutiert und sind in vielen Punkten nicht bewiesen und leider therapeutisch nicht hilfreich.

In Ihrem speziellen Fall ist die entscheidende Frage, ob evtl. eine Liposuktion angezeigt wäre.

Frage 7: Ich scheine die erste Frau in meiner Familie zu sein, die das Lipödem hat. Kann das möglich sein, dass bei mir keine erbliche Vorbelastung besteht?

Ja, eine erbliche Belastung ist nicht in allen Fällen zu finden. Es gibt auch die sogenannte „Spontanmutation“, bei der ein Lipödem auftritt, obwohl keine familiäre Belastung vorliegt.

Frage 8: Denken Sie, dass die Forschung irgendwann die Ursache für das Lipödem finden wird? Falls ja, was denken Sie wann damit zu rechnen ist? Oder vertreten Sie bereits eine Theorie, wie z.B. die Mitochondrientheorie?

Niemand kann in die Zukunft schauen. Zeitangaben zu möglichen Entwicklungen in der Medizin sind nicht möglich. Die Mitochondrientheorie wird sehr kritisch beurteilt. Veränderungen der Mitochondrien bzw. der Mitochondrienfunktion werden mit sehr vielen unterschiedlichen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht; ob hier wirklich ein direkter Zusammenhang existiert, wird von vielen Fachleuten als fraglich bezeichnet.

Frage 9: Was halten Sie von der Liposuktion durch die Wasserstrahlmethode. Und es gibt verschiedene Aussagen zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse ab 2020. Wie ist nun die gesetzliche Grundlage?

Die Liposuktion mittels Wasserstrahl ist – genau wie die Liposuktion mittels Vibration – eine gute Operationsmethode. Ab Januar 2020 soll – laut Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses – die Liposuktion für Lipödeme im Stadium III von den Krankenkassen erstattet werden. Zum Zeitpunkt der Beantwortung dieser Frage (November 2019) sind aber noch viele Aspekte dieser Regelung unklar (Vergütung, Ausmaß des Arbeitsanfalls bzw. der Nachfrage nach dieser Methode). Unabhängig davon soll für Lipödeme im Stadium I, II und auch III zusätzlich eine Studie an ca. 20 OP-Zentren in Deutschland durchgeführt werden, für die man sich im Internet unter www.erprobung- liposuktion.de anmelden kann. Dabei sollen Wirkungen und Nebenwirkungen der Liposuktion beim Lipödem im Vergleich mit einer alleinigen konservativen Therapie untersucht werden. Die Studie soll 2024 abgeschlossen sein.

Frage 10: Ich habe seit 3 Jahren die Diagnose Lip/Lymphödem. Ich habe eine 2-teilige Versorgung. Meisten bereitet mir das Lymphödem in den Unterschenkeln die meisten Probleme. Deshalb trage ich auch oft nur die Kompressionskniestrümpfe. Schadet es mir, wenn ich die Capri öfter mal weglasse, weil dann nicht alles komprimiert ist?

Das hängt allein von Ihren Beschwerden ab. Wenn Sie nach dem Weglassen der Capri-Hose keine vermehrten Beschwerden (Schmerzen, Schwellungen im Oberschenkelbereich) bekommen, können Sie diese gern mal weglassen. Werden denn auch Lymphdrainagen durchgeführt?

Frage 11: Ich bin 66 Jahre und bei mir wurde vor 10 Jahren ein Lymph- und Lipödem, Grad II festgestellt. Zusätzlich habe ich Fibromyalgie. Mir wurden Flachstrick Kniestrümpfe verschrieben, Kl.I. Aufgrund des starken Druckes kann ich sie nicht tragen. Ich habe einen Bluthochdruck und wenn ich diese Strümpfe anziehe, erhöht sich auch mein Blutdruck. Schwimmbad: ich benötige mind. 35 Grad warmes Wasser - wegen der Fibromyalgie - was sich aber nicht mit dem Lymph- und Lipödem verträgt. Können Sie mir bitte einen Rat geben was ich noch unternehmen kann, damit das Lipödem nicht weiter fortschreitet? Um wie vieles stärker sind die Schmerzen nach der Liposuktion wenn man Fibromyalgie hat? Ist es hier überhaupt ratsam, eine Liposuktion durchführen zu lassen? Ich habe das Lymph- und Lipödem an den Beinen, Hüfte, Bauch und Armen.

Ein Fortschreiten des Lipödems kann, muss aber nicht auftreten. Wir wissen nicht, in wie viel Prozent der Fälle es tatsächlich auftritt. Wenn eine Progression des Unterhautfettgewebes – meist an den Beinen - auftritt, ist dies nach Meinung der meisten Fachleute nicht zu beeinflussen. Vereinzelt wird vermutet, dass durch Gewichtsreduktion ein „Bremsen“ dieser Entwicklung möglich sei. Klare Aussagen zu dieser Frage gibt es nicht, da dazu keine Untersuchungen und keine Studien existieren.

Frage 12: Gibt es eine Gewichtsgrenze bzw. ein BMI bei dem keine Liposuktion durchgeführt wird?

Das wird immer im Einzelfall vom Operateur entschieden. Bei einem Gewicht von über 120 kg (z.T. schon bei 100 kg) oder einem BMI von über 40 kg/m2 (z.T. auch niedriger) machen die meisten Operateure keine Liposuktion mehr, sondern fordern vorher eine Gewichtsreduktion. Bei der Entscheidung spielen aber auch andere Faktoren wie z.B. Alter, Begleiterkrankungen, Stärke der Beschwerden und Art und Dauer von vorher durchgeführten Therapien eine Rolle.

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