
Liebe Leserin, lieber Leser,
heute möchte ich Euch einladen, mich auf eine besondere Reise zu begleiten: Die ersten Dating-Erfahrungen nach dem Ausbruch meines Lipödems. Wie ich später erfahren würde, sogar mitten in dem nächsten Schub, der das erste Stadium urplötzlich weit hinter mir zurücklassen sollte. Ich sollte den Körper, mit dem ich gerade erst wieder Frieden gefunden hatte, jetzt nochmal neu kennenlernen. Und parallel dazu einen völlig fremden Menschen, der eine meiner nahestehendsten Personen werden könnte. Verrückt, denkt Ihr? Naja, lasst mich den Inhalt des Beitrags so zusammenfassen: „Zwischen Kennenlernen, Schmerzen und der Angst, zu viel zu sein. Oder: Die Angst, dass Verständnis irgendwann anstrengend wird“.

Das Leben und die täglichen Herausforderungen mit Lipödem können sehr schwer sein, vor allem, wenn man auf neue Menschen trifft und sich einmal mehr mit sich selbst, dem eigenen Körper und der Frage auseinandersetzen muss, was es eigentlich bedeutet, chronisch krank zu sein. Die ständige Hoffnung auf Verständnis und die Ernüchterung, wenn einem wieder mal nicht zugehört wird. Je näher uns die Menschen stehen, desto schwerer wiegt die Verletzung. Und doch sehnen wir uns irgendwie dann doch alle nach Nähe. Diese paradoxe Empfindung brachte mich vor einigen Monaten dazu, mich auf einer Dating App anzumelden – ganz unverbindlich natürlich. Nur mal sehen, was in der Welt so los ist. Gut versteckt hinter der Oberflächlichkeit des Internets gab ich nur das Nötigste von mir Preis und wählte nur Lipödem freundliche Bilder aus, um mich anderen zu zeigen. Die Macht, selbst zu entscheiden, was ich preisgab, war zur Abwechslung mal ein wirklich schönes Gefühl.
Da diese Art von App den Zweck verfolgt, andere Menschen kennenzulernen, fand ich mich allerdings eher früher als später in der Situation wieder, dass ich einige Nachrichten erhielt. Während einiges recht oberflächlich schnell im Sande verlief, entstanden auch tiefere Gespräche, in denen ein gewisses Interesse an meiner Person zu erkennen war. Ich stellte fest, dass ich das ganze dann doch nicht so richtig durchdacht hatte. Ich hatte zwar bei meinem Profilbild auf einiges geachtet, doch gab es ja auch noch die Person hinter dem Bild. Und die wollte einer der Männer nun gerne persönlich treffen. Hoppla. Abgesehen von dem Optischen, was sich in meinem Fall durch die Kompression und clever gewählte Kleidung ziemlich gut verdecken lässt, bringt Lipödem ja doch noch die ein oder andere Herausforderung mit sich. Ihr kennt das: ständige Schmerzen und das ganze Kram, was man so tun und beachten sollte, wenn man denn wenigstens etwas Lebensqualität haben möchte. Die erste große Verunsicherung war also da: Erzähle ich ihm davon? Wenn ja, was erzähle ich? Wie möchte ich, dass er mich sieht, was ist relevant und was nicht? In der Regel können Menschen jetzt nicht so wahnsinnig viel mit dem Satz „ich habe Lipödem“ anfangen. Sollte unser erstes Date also zu einem kompletten Monolog meinerseits werden? Dann war ja schon vorprogrammiert, dass er mich wahrscheinlich nie wieder sehen wollte oder mich noch an Ort und Stelle stehen ließ. Aber… warum war mir das eigentlich so wichtig? Ich kannte ihn doch gar nicht! Ich merkte schnell, dass mir das Thema doch mehr an die Substanz ging, als ich gedacht hatte. Ich beschloss, das zu tun, was ich am besten kann: das Thema aufzuschieben. Ich erzählte nur das aller Nötigste und so sehr ich meine knallige Kompri liebte, entschied ich mich zunächst einmal für die schlichteste. Etwas das nicht auffällt, etwas das unkompliziert ist. Vielleicht wird ja auch gar nichts draus, wozu also der ganze Stress?

Blöd war nur: wir stellten uns als ziemlich gutes Match heraus. So viel zur Verdrängung. Es folgten die ersten warmen Tage, gegenseitige Besuche zu Hause, Übernachtungen, Planungen weiterer Dates (unter anderem im Schwimmbad…) und damit wurde klar: ich werde mich nicht ewig hinter Schweigen und unauffälliger Kompri, die ich als Leggins oder Strumpfhose betitelte, verstecken können. Also: „Wir müssen reden.“ Den Satz kann ich in der Form so nicht empfehlen: in der Regel löst er ungeahnten Stress aus, weshalb ich froh bin, mich wohl doch etwas eleganter ausgedrückt zu haben. Weniger elegant waren die Angst und Panik, die ich empfand, als ich alle Karten offenlegte. Eine 26-jährige Frau, die viel mehr Baustellen hat als so manche Person im doppelten Alter. Weitere Erkrankungen meinerseits verursachen zusätzlich, dass ich eigentlich ständig irgendetwas nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen tun kann. Ich musste ihm also erklären, was für einen großartigen (Ironie) Fang er da nun also mit mir gemacht hatte. Ihr könnt euch mein Entsetzen vorstellen, als das für ihn überhaupt kein Problem zu sein schien. Das musste ich dann erstmal verarbeiten.
Als ich den ersten Schock dann verdaut hatte, tauchten die nächsten Hürden auf, die ich scheinbar auch nicht so richtig bedacht hatte. Das Sehen und schlussendlich Berühren meiner Lipödemstellen. Meine Haut fühlt sich anders an, sieht anders aus. Im gemütlichen, angedunkelten Licht lassen sich noch mehr Dellen und Knoten entdecken als bei Tageslicht. Wie wird es für ihn sein, wenn er sie sieht? Wie wird es für mich sein, wenn er sie berührt? Und darüber hinaus: Wie erklärt man jemandem, dass keine Diät, kein Sport und nichts sonst jemals grundlegend etwas an der Beschaffenheit von Beinen und Armen ändern wird? Dass fremde Menschen mich ansehen und reden? Dass zukünftig vielleicht nicht mehr nur noch ich, sondern wir beide im Schwimmbad oder am See mit gerunzelter Stirn betrachtet werden? Ich habe gelernt, damit zu leben – aber er? Bereits ein Jahr nach meiner Diagnose hatte ich einen Schub erlebt, der meine Symptomatik massiv verschlechtert hatte – und mit ihr das Erscheinungsbild meiner Beine. Das kann jederzeit wieder passieren. Kann er damit umgehen? Wie soll er verstehen, dass sich manchmal die sanfteste Berührung anfühlt wie tausend Feuerameisen und ich es sogar an manchen Tagen nicht aushalte, wenn eine Decke auf mir liegt? Was ist mit Tagen, an denen von außen alles aussieht wie immer aber mein Körper streikt und nichts mehr geht?

Auf viele dieser Fragen wird nur die Zeit eine Antwort geben können. Und ich bin ehrlich: auch wenn vieles von dem was ich geschrieben habe sehr schön klingt, sind die Sorgen und Unsicherheiten vom Anfang noch längst nicht weggewischt. Und das ist völlig normal und in Ordnung. Gerade wenn man so viel Enttäuschung durch nahestehende Personen erlebt hat, ist die Frage, weshalb jemand „Fremdes“ damit nun anders umgehen sollte als die liebsten Menschen, absolut nachvollziehbar. Da ich bei diesem Thema jede Form der Beschönigung vermeiden möchte (wie Ihr sicherlich an meinem gewählten Schreibstil erahnen konntet), möchte ich auch mein Schlusswort so direkt wie möglich formulieren. Eure Sorgen und Ängste haben ihre Daseinsberechtigung. Sollte aber ein Mann auch nur ansatzweise eine davon durch sein Verhalten oder seine Worte bestätigen: nehmt die Beine (vorzugsweise in Kompri verpackt, dann seid ihr schneller) in die Hand und rennt. Macht das zu eurem roten Tuch – heutzutage sagen die coolen Kids „red flag“ dazu. Kein Mensch der Welt ist es wert, dass Ihr Euren persönlichen Wert herabsetzt. Tragt Eure schillderndste Kompi mit Stolz!
Alles Liebe,
Marceline
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