
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich bin Sophie, bin 24 Jahre alt und habe seit Januar 2023 die Diagnose Lipödem Stadium 1–2, Typ 4. Mit Flachstrickkompression bin ich allerdings schon länger ausgestattet, da ich bereits zuvor mit Wassereinlagerungen zu kämpfen hatte, jedoch noch keine offizielle Diagnose vorlag. Hauptberuflich arbeite ich als Projektleitung im Lifecycle Management für Fahrzeuge und nebenberuflich als Trainerin in einem Aerialsport-Studio. In meiner Freizeit engagiere ich mich ehrenamtlich in zwei Vereinen in meinem Heimatort, koche gerne und bin sportlich aktiv – unter anderem im Muay Thai, Kraftsport, Yoga, Aerial Hoop und Poledance. Und damit sind wir auch schon beim Thema dieses Beitrags: Poledance mit Lipödem.

Poledance fasziniert mich schon seit meiner Kindheit. Bei „Das Supertalent“ sah ich zum ersten Mal einen Poledance-Auftritt und war sofort begeistert. Die scheinbare Schwerelosigkeit, die Körperspannung und die Akrobatik haben mich nicht mehr losgelassen. Im Jugendalter wollte ich dann unbedingt selbst mit Poledance anfangen. Drei Mädels aus meinem Heimatort waren bereits aktiv und wollten mich mitnehmen. Da Poledance jedoch kein ganz günstiger Sport ist, wollte ich erst meine Ausbildung abschließen und danach starten. Dann kam die Corona-Pandemie dazwischen und das Thema Poledance geriet erstmal in Vergessenheit.

Irgendwann kam der Gedanke wieder auf, und ich erzählte einer Kollegin davon. Sie berichtete mir, dass sie selbst mehrere Jahre Poledance gemacht hatte und dass ein Studio in der Umgebung kostenlose Schnupperkurse anbietet. Also meldete ich mich direkt an und hatte im Januar 2024 meine erste Schnupperstunde. Ich hatte so viel Spaß und war sofort begeistert, dass ich mich anschließend für die sogenannten „Newbie-Kurse“ anmeldete. Dort lernte man die Basics des Poledance und erhielt nach Abschluss die Qualifikation, an den regulären Kursen des Studios teilzunehmen. So wurde ich Schülerin und später sogar Trainerin.
Für Poledance braucht man keinerlei Voraussetzungen. Wirklich jede Person kann damit anfangen. In unserem Studio trainieren kleine Kinder, Frauen älteren Alters, zierliche und curvy Körper, komplette Anfängerinnen und erfahrene Trainerinnen. Egal, mit welcher Basis man startet: Nach jeder Stunde wird man ein bisschen stärker und lernt neue Elemente dazu. Bei gesundheitlichen Problemen wie Bandscheibenvorfällen, Reha nach Unfällen oder Erkrankungen, die nicht stoßresistent sind, sollte man vorher mit dem Hausarzt und der Studioleitung abklären, ob Poledance geeignet ist. Wenn die regulären Kurse zu intensiv sind oder nicht zum Krankheitsbild passen, gibt es oft Alternativen, die stärker tänzerisch orientiert sind, z. B. Pole Flow oder Pole Floorwork. Am besten fragt man im jeweiligen Studio nach, welche Kursarten angeboten werden. So findet wirklich jede Person den passenden Einstieg.

Da ich meine Lipödem-Diagnose bereits vor der Schnupperstunde hatte, machte ich mir anfangs viele Gedanken: Würde der Druckschmerz zu stark sein? Bekomme ich noch mehr blaue Flecken? Muss man immer freizügig gekleidet sein? Und würden die Schmerzen in Armen und Beinen meine Leistung beeinträchtigen? Die Antwort lautet: teils, teils – aber mit ein paar Tricks lässt sich vieles gut ausgleichen.
Druckschmerz
Beim Poledance hat man je nach Übung direkten Kontakt zur Pole, was anfangs zu Druckschmerz führen kann. Für den Körper ist es ungewohnt, auf harten Widerstand zu treffen. Das betrifft aber nicht nur Lipödem-Betroffene – vielen Anfängerinnen geht es so. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper daran, die sogenannten Press-Points härten ab und der Schmerz lässt nach. Wenn es dennoch zu unangenehm ist, kann Grip-Kleidung helfen. Diese spezielle Kleidung (z. B. Leggings, Shorts oder Tops mit Silikonbeschichtung) ermöglicht Halt ohne direkten Hautkontakt und reduziert den Druck deutlich. Darauf gehe ich später beim Thema Kleidung noch genauer ein.

Blaue Flecken
Wir Lipödem-Mädels neigen leider stark zu blauen Flecken und beim Poledance bleibt das nicht aus. Ich sah anfangs wirklich aus wie ein Dalmatiner. Selbst meine Physiotherapeutin sprach mich bei der Lymphdrainage darauf an, warum ich plötzlich so viele Flecken hatte. Durch die Kompressionsstrümpfe sahen sie beim Abheilen sogar noch lustiger aus, weil man das Maschenmuster erkennen konnte. Mit Heparinsalbe konnte ich den Heilungsprozess beschleunigen. Ganz fleckenfrei bin ich bis heute nicht, aber der Körper härtet auch hier ab, und die Hämatome werden mit der Zeit weniger. Grip-Kleidung kann zusätzlich helfen, das Gewebe zu entlasten.

Freizügige Kleidung
Poledance hat seinen Ursprung im chinesischen Zirkus. Die sogenannten Chinese Poles sind silikonbeschichtet und dicker als die Edelstahlpoles, die wir heute kennen. Dort wurde vollständig bekleidet trainiert, um Verbrennungen und zu starken Halt zu vermeiden. Mit der Verbreitung des Sports änderten sich die Materialien und damit auch die Kleidung. An einer Edelstahlpole braucht man nackte Haut, um Halt zu bekommen. Deshalb sind freie Beine, Arme, Bauch und Rücken in vielen Kursen notwendig. Es gibt jedoch Ausnahmen: Bei Flow- oder Floorwork-Kursen wird oft längere Kleidung getragen, da man besser über den Boden sliden kann. Und natürlich gibt es wieder die erwähnte Grip-Kleidung, die auch an Edelstahlpoles funktioniert. Das ist besonders hilfreich, wenn man sich in kurzer Kleidung unwohl fühlt oder – wie ich – durch Kompression sehr trockene Haut hat und dadurch rutscht.

Beeinträchtigung der sportlichen Leistung
Anfangs hatte ich Sorge, dass die Schmerzen in Armen und Beinen mich beim Training einschränken würden. Da ich aber seit meiner Jugend sportlich aktiv bin, kenne ich dieses Gefühl schon lange. Beim Warm-up merke ich manchmal, dass mir bestimmte Übungen schwerer fallen, z. B. Squats halten, Arme länger oben lassen oder Hüftmobilisation. Hier gilt: Nicht entmutigen lassen. Wenn ich den Squat nicht mehr halten kann, gehe ich einfach etwas früher aus der Übung raus. Sprecht offen mit euren Trainern – sie können Übungen anpassen oder Alternativen anbieten.
Beim eigentlichen Poledance-Training merke ich die Schmerzen kaum. Man wird von Stunde zu Stunde stärker, und die Freude am Sport überwiegt. Wenn eine Übung mal nicht funktioniert, probiert es beim nächsten Mal wieder. Step by step.

Traut euch! Poledance ist ein wunderbarer Sport, der Körper und Seele guttut. Die Tiefenmuskulatur wird intensiv trainiert, was eure Haltung verbessert und euch ein starkes Körpergefühl gibt. Auf emotionaler Ebene schenken euch das Training, die Verbindung zur eigenen Weiblichkeit, das wachsende Selbstbewusstsein und der unglaubliche Support im Studio so viel Kraft. Ich habe noch nie bei einer Sportart so viel Rückhalt erlebt wie beim Poledance.

Ich hoffe, ich konnte euch mit meinem Beitrag zum Thema Poledance mit Lipödem weiterhelfen und vielleicht die eine oder andere ermutigen. Wenn ihr Fragen habt, schreibt sie gerne in die Kommentare.
Habt ihr bereits Erfahrungen mit Poledance gemacht oder wollt es ausprobieren? Ich freue mich auf eure Geschichten!
Allerliebste Grüße
Sophie
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