Merle
22.Dezember 2017 | Mein Lipödem

Wie fühlt es sich an, die Tochter einer Mutter mit Lipödem zu sein

Hallo, ich bin Merle, 15 Jahre alt und die Tochter von Petra Jahrend. Meine Mutter hat das Buch "Lipödem lieben leben weinen" geschrieben. Toll, denken sicherlich einige, die Tochter der Autorin. Ja, ich bin stolz auf meine Mama, sehr sogar! Es gibt jedoch auch eine dunkle Seite.

Wie fühlt es sich an, die Tochter einer Lipödem betroffenen Mutter zu sein? Wie gehe ich tagtäglich mit ihren Essstörungen um? Darüber möchte ich euch in diesem Beitrag berichten.

Petra Jahrend mit ihrer Tochter Merle

Lipödem-Alltag: Die Kompressionsstrümpfe

Also, das ist nicht einfach. Jeden Tag muss ich mit ansehen, wie sie sich in die Kompressionsstrumpfhose quält. Wir planen es morgens immer in unseren Zeitplan mit ein, da wir wissen, dass sie nicht mal eben schnell in fünf Minuten in die Kompressionsbestrumpfung kommt.

Wenn sie ihre Armkompression anzieht, fragt sie mich oft, ob ich ihr dabei helfen kann. Das mache ich natürlich gerne. Mittlerweile ist es für mich „einfach“ geworden ihr die Strümpfe anzuziehen. Doch dann sehe ich ihre traurigen Augen und hoffe so sehr, dass es ihr bald besser gehen wird.

Bewegungseinschränkungen mit Lipödem

Ich blicke auch in ihre fragenden Augen, wenn ich auf der Straße zu schnell gehe. Dann weiß ich immer, dass ich langsamer sein muss. Meistens bleibe ich kurz stehen und gehe dann hinter ihr, damit sie die Geschwindigkeit bestimmen kann. Oft fängt sie an ganz schnell zu gehen und wir müssen sie dann stoppen, weil wir wissen, dass sie dieses Tempo nicht lange halten kann. Sie will uns nicht zur Last fallen und beeilt sich deshalb meistens.

Mama denkt immer, nur weil sie nicht so viel mit mir körperlich machen kann, wäre sie keine gute Mutter. Aber das ist nicht so! Ich kenne es nicht anders. Dafür macht meine Mutter mit mir andere tolle Dinge, die andere Mütter vielleicht nicht mit ihren Kindern machen würden.

Bloggerin und Autorin Petra Jahrend

Lipödem und Ernährung: Anstrengend wird es bei dem Thema Essen

Das Thema Ernährung stört mich besonders. Wir gehen kaum zu einer Fast-Food-Kette. Sätze wie „Zu fettig, zu viele Kohlenhydrate, viel zu viel Zucker.“, kenne ich auswendig. Ausnahmen macht sie nur, wenn wir in den Urlaub fahren. Dann dürfen wir auch mal in einem dieser Restaurants essen. Es ist anstrengend mit anzusehen, wie sie auf die Kalorien achtet und sich selbst das ein oder andere leckere Essen verbietet. Ich gebe zu, es nervt manchmal. Ich sage dann immer: „Mama, hör auf. Esse doch einfach das, was dir schmeckt und auf was du Lust hast.“ Manchmal macht sie es, aber meistens kommt dann nur ein Blick von ihr.

Die Vorurteile der Mitmenschen: Ein ewiger Kampf

Und dann gibt es da noch die Mitmenschen, die meine Mutter für ihre Krankheit verurteilen. Das tut mir weh und macht mich wütend. Keine Frau mit Lipödem hat es verdient so behandelt zu werden. Ich finde es mutig von meiner Mutter, dass sie dieses Buch geschrieben hat. Sie hilft vielen Frauen und vielleicht auch Männern mit ihrem Buch. Nicht jeder wagt diesen Schritt und öffnet sich für die ganze Welt, und gerade das finde ich so beeindruckend.

Auch ich bin an Lipödem erkrankt

Ich selbst bin auch betroffen. Aber ich werde niemals einer Essstörung verfallen, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich habe meine Mutter an meiner Seite, sie wird wissen was zu tun ist, wenn ich Probleme mit dem Lipödem bekomme. Noch will und werde ich nicht darüber nachdenken.

Ich möchte positiv durchs Leben gehen und das tue ich auch. Ich lebe so, wie ich es möchte. Die Probleme, die das Lipödem mit sich bringt, kommen noch früh genug. Da ich noch zur Schule gehe, habe ich andere Sorgen. Ich kann mir noch genug Gedanken über das Lipödem machen, wenn es anfängt, mich zu stören. Momentan bin ich einfach nur ein Mädchen mit etwas kräftigeren Oberschenkeln.

Bloggerin Merle

Ich liebe und bewundere meine Mutter

Meine Mutter ist eine gute Mutter, ich liebe sie. Ich bewundere ihre Kraft, ihre Stärke, ihre Offenheit und Ehrlichkeit. Sie hilft jedem und opfert sich für andere auf, auch wenn sie manchmal selbst daran zerbricht.

Was ich mir wünsche? Ich wünsche mir, dass sie weniger Schmerzen hat und aufhört, sich das Essen zu verbieten. Dass ihr Wunsch nach mehr Anerkennung der Krankheit in Erfüllung geht. Vor allem aber, dass sie lebt, so wie sie es möchte. Sie soll das anziehen können, was ihr gefällt und nicht danach schauen, ob die Kleidung dunkel und lang genug ist. Ich möchte einfach, dass sie wieder mit einem Lächeln in einen Supermarkt oder in ein Shoppingcenter geht. Sie soll glücklich sein, das ist das Wichtigste im Leben!

Habt ihr Lust mehr über die Geschichte und das Buch meiner Mutter Petra Jahrend zu erfahren? Dann hört euch gerne das Interview in der neuen Podcast-Folge von Mind Body Life – Für ein gutes Leben mit Lipödem an.

Viele Grüße und alles Liebe für euch

Merle

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7 Kommentare
Kommentieren
Sabrina

Ganz toll geschrieben 👍

am 27.12.2017 | 12:16
Bärbel Schinke

👍👍👍

am 23.12.2017 | 14:32
Bärbel

👍👍👍

am 23.12.2017 | 14:31
Nikkie

Richtig schön geschrieben. Danke für deinen Beitag👏

am 23.12.2017 | 09:31
Nicole

Das hast du wirklich schön ge- und beschrieben! Ich mag deine Mama sehr und hoffe das sie ihren inneren Frieden findet.
Dir wünsch ich nur das Beste!

am 22.12.2017 | 23:49
M Fine Kerkhoff

Merle ich hatte das Glück dich und deine Mama kurz kennenzulernen und ich bin so beeindruck von Euch als Familie. Ich selber , wie du weisst, bin selber ziemlich dumm dran und kämpfe wie eine wilde zurück in ein normales Leben ohne Rollstuhl. die Vorurteile und Ausgrenzungen mit denen nicht nur wir sondern auch unsere Kinder ausgesetzt sind, sind schlicht zum kotzen. Danke das ihr es auf Euch nehmt in der Öffentlichkeit so ehrlich zu sein. Danke das ihr so tolle Menschen seid. Wir halten zusammen komme was da wolle und knuddel mal deine Mamma lieb von mir <3 Gemeinsam statt Einsam sag ihr mal.

am 22.12.2017 | 23:29
Andrea Harder

Liebe Merle, deine Gedanken sind gut beschrieben...mit dem Essen ist es schwer bei uns das ist richtig ,mir wurde Mal gesagt wir sind zu alt eine Diät zu machen. Zu Kleidung kann ich nur sagen zeige ihr einfach das es auch andere Farben gibbt. Du kannst mich ja nun auch schon eine Weile und weißt wie ich aussehe man muß sich nur trauen mut zur Farbe.

am 22.12.2017 | 19:21

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