Christina
21.September 2018 | Mode & Shoppen

Kompressionsstrümpfe – Muss ich die jetzt jeden Tag tragen?

Liebe Lipödemkämpferinnen,

jeden Tag Kompression zu tragen ist nicht einfach. Allerdings ist die Kompressionsbestrumpfung bei Lipödem so essentiell. Wie wichtig für mich meine Kompressionsstrumpfhose ist und welche Erfahrungen ich mit komplexer Entstauungstherapie gemacht habe, möchte ich euch heute erzählen.

Ich weiß, dass sich viele Frauen nach der Diagnose Lipödem und am Anfang der konservativen Therapie schwer mit dem Gedanken anfreunden können, die Kompressionsversorgung fortan jeden Tag zu tragen. Ich lese in den sozialen Netzwerken regelmäßig davon, dass man in die Strümpfe nicht hineinkäme, sie aber auch nicht passen würden, falsch gemessen oder fehlerhaft angefertigt seien. Man Ausschlag oder Hitzewallungen davon bekäme und überhaupt „Zustände“ hätte von der Festigkeit und Enge dieser medizinischen Kleidung. Man könne diese keinesfalls den ganzen Tag und schon gleich gar nicht bei Hitze aushalten.

Kompression: Hindernisse im Kopf

Wenn dann aber, nachdem im Sanitätshaus und beim Strumpfhersteller alles gegeben wurde, die Kompressionsversorgung unverhofft doch passt, tauchen die nächsten Hindernisse auf. Man hat erstmal nur e i n e Strumpfhose und muss diese ja täglich waschen. Das ist tatsächlich ein echtes Problem, denn in eine vom Waschen noch feuchte Kompression zu schlüpfen, bedarf einiger Übung und Hartnäckigkeit. Zum Glück ist aber die e i n e Kompressionsstrumpfhose schon einmal besser als k e i n e. Nach spätestens einem halben Jahr bekommen dann alle Lipödem-Patientinnen in Deutschland eine Wechselversorgung genehmigt, viele auch schon früher.

Vor der Diagnose

Nach ein paar Monaten hat man also zwei Versorgungen, meist wird dann eine Schwarze gewählt und eine in Hautfarben. Das ist zwar übrigens anscheinend die Regel, aber kein Gesetz! Jetzt taucht also die nächste Herausforderung auf. Wie soll man diese Strumpfhosen mit seiner Kleidung kombinieren, ohne dass es gleich „omamäßig“, medizinisch (im Falle der hautfarbigen Variante) oder zu düster (im Falle der Schwarzen) wirkt?

Da ist dann tatsächlich etwas Kreativität und Experimentierfreude beim Outfit und Styling gefragt. Meiner Meinung nach ist es aber wirklich möglich, diese beiden Farbvarianten in seine Outfits zu integrieren. Leichter ist es vielleicht sogar, wenn man sich gleich von Anfang an mutig und offensiv für eine Kompressionsversorgung in einer Trendfarbe oder einem coolen Muster entscheidet. Aber dazu später mehr.

Vor der Diagnose

Wieso trage ich meine Kompression gerne?

Ich trage meine medizinischen Strümpfe jeden Tag. Und das gerne. Ich ziehe sie am Morgen noch vor dem Frühstück an und am Abend gehört das Ausziehen der Kompression zu den letzten Dingen, die ich mache. Das war nicht immer so. Nach der Diagnose in 2013 hatte ich ca. ein Jahr eine zweiteilige Versorgung, die hauptsächlich rutschte.

Im Nachhinein ist mir so klar, warum sie nicht halten konnte. Ich wusch sie nur alle zwei Tage und ich hasste es damals noch meine Beine einzucremen. Also hatte ich eine ziemlich spröde Haut und viele lose Hautschüppchen, die sich im Gestrick meiner Versorgung verfingen und die Versorgung zum Rutschen gebracht haben. Heute weiß ich, dass ich meine Beine spätestens alle zwei Tage vor dem Zubettgehen eincremen muss und die Kompression nach einem Mal tragen in der Waschmaschine waschen sollte.

Wie es mir dann in der Schwangerschaft erging, habe ich in einem anderen Beitrag schon einmal erzählt. Ich sage nur so viel: Ich bin so dankbar, dass es inzwischen von Juzo eine wunderbare Versorgung für werdende Mütter gibt, die ich mir 2014 erträumt hätte.

Herbst 2014: Nach der Diagnose. Am Ende der Schwangerschaft mit ca. 92 kg, nur mit Kompressionskniestrümpfen.

Kompressionsstrumpfhose als täglicher Begleiter

Heute trage ich meine Flachstrickstrumpfhosen nicht nur so konsequent, weil mir meine Ärztin und meine Physiotherapeutinnen das empfohlen haben. Ich trage sie insbesondere deswegen, weil ich im Laufe meiner Krankheitsgeschichte die Erfahrung machen konnte, dass mir diese maßgefertigten flachgestrickten Kompressionsstrümpfe wirklich helfen.

Auf meinen Vorher-Nachher-Fotos sieht man, so meine ich, einen deutlichen Unterschied zwischen meinen Beinen vor der Diagnose Lipödem (Stadium 2 mit Lymphödem) und nach Beginn der konservativen Therapie mit Kompressionsstrümpfen und Entstauungstherapien (2015 und 2017). Der Umfangsverlust an den Beinen ist meines Erachtens nicht mit einem schlichten Gewichtsverlust des Adipositasfetts zu erklären. Ich bezweifle, dass meine erhebliche Umfangsreduktion allein durch mehr Sport zurückzuführen ist. Denn ich habe mich schon als Teenagerin gerne bewegt und auch dreimal die Woche Kampfsport getrieben. Dass die Umfangsreduktion an einer geringeren Kalorienzufuhr liegen könnte, bezweifle ich noch mehr, da ich ausreichend esse. Sogar Schokolade esse ich fast jeden Tag, allerdings nur ein paar Gramm einer Zartbitterschokolade.

Sommer 2011, 2 Jahre vor der Diagnose.

Nein, ich bin davon überzeugt, dass es weder der Sport noch die Ernährung alleine ausgemacht haben. Ich sehe den entscheidenden Baustein für meine Umfangsreduktion von Hosengröße 44/46 auf 36/38 darin, dass meine Beine zweimal in den vergangenen Jahren einer so genannten komplexen Entstauungstherapie unterzogen wurden.

Was ist eine komplexe Entstauungstherapie?

Bei einer komplexen Entstauungstherapie erhält die Patientin jeden Tag eine manuelle Lymphdrainage und wird anschließend mit speziellen Bandagen gewickelt. Durch die täglichen Bandagen kann der Kompressionsdruck, welche die angestauten Flüssigkeiten abtransportiert, ideal angepasst werden. Man muss sich allerdings in der Bandagierung bewegen. Auch Verhärtungen werden in diesen zwei bis drei Wochen gelöst. Mein verhärtetes, knotiges Gewebe in den Beinen fühlte sich danach viel weicher, ebenmäßiger und glatter an. Nicht nur die Waage, sondern insbesondere die Umfangsmessungen ergaben, dass ich von Woche zu Woche dünnere Beine bekam.

Sommer 2017, 2. KPE (mit bandagierten Beinen)

Am Ende jeder stationären Entstauungstherapie erhält man außerdem eine neue passgenaue Kompressionsstrumpfhose, um die entstauten Beine weiterhin bestmöglich zu versorgen. Das ist ein riesiger Vorteil der stationären komplexen Entstauungstherapie gegenüber jeder Form einer ambulanten Entstauungsphase. Ein weiterer sehr guter Grund für die stationäre Entstauungstherapie ist der Kontakt mit anderen Betroffenen sowie die Gymnastik in dieser Gruppe und die Unterweisungen für die Selbsttherapie.

Selbsttherapie bei Lipödem

Für mich ist die Kompressionsstrumpfhose also eine wundervolle Alternative zur Bandagierung. Jede Betroffene muss wissen, Alternativen lauten nicht: Kompressionsversorgung ja oder nein. Sie lauten auch nicht: Flachstrick oder Rundstrick. Die Alternativen lauten: Flachstrick oder Bandagierung; und zwar täglich selbst bandagieren.

Beispielsweise können sich viele Lymphödempatienten im Ausland aufgrund anderer Krankenversicherungsbedingungen keine Kompressionsversorgung leisten. Sie wickeln sich stattdessen. Und wenn ich die Fotos dieser disziplinierten Menschen in den sozialen Medien sehe, spüre ich zum einen Hochachtung, zum anderen bin ich aber auch einfach nur dankbar, dass ich Kompressionsstrumpfhosen habe.

Konsequente Kompressionstherapie

Ein dritter Aspekt, warum ich meine Kompressionsstrumpfhosen so bereitwillig, konsequent und sogar gerne trage, ist einfach der, dass ich mich durch diese Strumpfhosen hübscher fühle. Früher habe ich äußerst selten einen Rock oder ein Kleid getragen. Nicht nur, weil meine stämmigen Beine nicht meinem Schönheitsideal entsprachen. Sondern vor allem, weil meine voluminösen Oberschenkel beim Laufen aneinander rieben, ich dadurch Rötungen, Hitzepickel und sogar aufgeriebene Stellen bekam.

Seit ich aber – im Anschluss an die erste Entstauungstherapie im Herbst 2015 – meine erste einteilige Versorgung, eine Strumpfhose in Rot, hatte, trage ich fast nur noch Röcke und Kleider. Ich fühle mich dadurch gut gekleidet, weiblicher und attraktiver. Das liegt bestimmt auch daran, dass die passgenaue Kompression mein delliges Gewebe schön komprimiert. Das sieht gut aus und fühlt sich auch gut an.

Sommer 2018: 5. Jahr in Kompression, nach 2 KPEs (ca. 58kg)

Bei mindbodylife findet Ihr passend zum Beitrag eine neue Podcast-Folge mit Christina zum Thema Entstauungstherapie. Viel Spaß beim Reinhören!

7 Kommentare
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Ramona

Hallo Christina
Danke für deinen tollen Beitrag.
Ich habe erst vor kurzen die Diagnose Lipödem und Lymphödem beides grad 2 bekommen.
War dann 5 Wochen in Reha und habe dort 2x tgl lymphdrainge bekommen mit anschießender Bandagierung.
Habe nun im Anschluss meine erste Kompressionsware bekommen und bin sehr glücklich. Es ist eine große Erleichterung zur Bandagierung .
Ich trage sie jeden Tag konsequent an Beinen und Armen.
Du hast geschrieben das man zwei mal im Jahr ein set beantragen kann. In der Klinik wurde uns gesagt das man zwei mal pro Jahr zwei Sets bekommen kann. Weißt du da was drüber.

Lg ramona

am 25.09.2018 | 20:14
Christina

Liebe Ramona,
danke für deinen Kommentar. Tatsächlich ist es von Krankenkasse zu Krankenkasse unterschiedlich. Am besten ist es, du rufst bei deiner Versicherung an, um genaue Auskunft zu erhalten.
Sicher ist aber, dass du auch nach Ausschöpfung der Anzahl der Kompressionsversorgungen weitere Strumpfhosen bekommst, wenn sich deine Umfänge deutlich verändert haben, sodass die Kompression rutscht.
Viel Erfolg!

am 11.11.2018 | 11:59
Karin

Ich habe 2 Kompressionshosen und komme damit gar nicht zurecht. Daher trage ich sie kaum. Habe während dem Tragen durchgehend Bauchschmerzen weil die so drücken. Arzt meint, dass ist halt so. Zudem kann ich mich damit auch schlecht bewegen, bin eigentlich eher ein Mensch der schnell geht, damit jedoch nicht möglich. Es fühlt sich an, wie wenn mich immer ein Gummiband währen dem Gehen zurück geht. Und dann jedes Mal die Tortur mit dem Hochziehen, nur weil ich „schnell“ auf die Toilette wollte. Ich kann mich mit der Kompression gar nicht anfreunden...

am 25.09.2018 | 13:25
Sonja

Hallo,
ich habe eine zweiteilige Versorgung,bestehend aus Oberschenkelstrümpfen und Bermuda.Damit komme ich im Vergleich zur Strumpfhose super klar.
Die Bermuda hat einen Reißverschluß und 5 Haken,oben ein Klettband.Sie ist sehr hoch,bis fast unter die Brust.Das war anfangs ungewohnt.Aber es ist sehr angenehm ,da nichts auf den Magen drückt,was bei meiner Strumpfhose wirklich sehr unangenehm war.
Auch beim Gang zur Toilette ist das Rauf-und Runterziehen sehr viel leichter und geht schneller.
Ich trage meine Kompression jetzt wirklich gerne.

am 29.09.2018 | 17:04
Arnhold, Claudia

Hallo Christina,
sehr schöner Beitrag. Ich habe eine Frage zum Eincremen der Beine. Benutzt du eine bestimmte Creme oder Lotion oder jedes handelsübliche Produkt?
Ich bin sehr nachlässig mit dem Eincremen, doch deine Beschreibung mit den Hautschuppen leuchtet mir ein.

am 22.09.2018 | 12:48
Christina_Rick

Liebe Claudia, ich benutze eine handelsübliche Bodylotion (Garnier).

am 23.09.2018 | 08:00
Dijana

Hallo Christina ,

Danke für deinen wundervollen Beitrag..Du machst mir Hoffnung, dass mein Gewicht und mein Umfang sich doch noch reduzieren ..Ich finde in deinem Beitrag, vieles aus meiner Geschichte wieder . Aktuell machen mir allerdings die aufgeplusterten Arme und Beine doch sehr zu schaffen . Es wird Zeit an mir zu arbeiten und zu versuchen Futter-fett loszuwerden. 😊

am 21.09.2018 | 09:33

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