Prof. Schmeller
30.Mai 2019 | Allgemein

Fragen rund um das Lipödem: Antworten von Prof. Dr. med. Schmeller

Das Thema Lipödem wirft oftmals viele Fragen auf. Die fallen Dir wahrscheinlich häufig erst zu Hause und nicht beim Arzt ein. Wir von FRAUENSACHE haben glücklicherweise den Experten Prof. Dr. med. Wilfried Schmeller aus der Hanse-Klinik in Lübeck an der Hand. Er beantwortet freundlicherweise regelmäßig einige Eurer Fragen.

Schmerzverminderung beim Lipödem

Wann ist der Einsatz der sog. AIK-Geräte sinnvoll und angebracht bei der Diagnose Lip- und Lymphödem an Beinen und Armen? Wie bekommt man diese Geräte und auf was muss bei deren Auswahl und Einsatz geachtet werden?

Die AIK (= Apparative Intermittierende Kompression) kann beim Lymphödem und auch beim Lipödem eingesetzt werden. Das Verfahren soll primär helfen bei der Ödemverminderung und – beim Lipödem – auch bei der Schmerzverminderung. Es ist eine unterstützende Behandlung; sie soll und kann die MLD nicht ersetzen, aber reduzieren helfen. Die Wirksamkeit bezüglich der Entstauung ist geringer als bei der MLD und hängt von Art des Gerätes sowie von der Anwendungsstärke und –dauer ab. Vor dem Einsatz als Heimgerät muss eine „Testphase“ in Klinik oder Praxis unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden und der Behandlungsverlauf muss ärztlich kontrolliert werden. Die AIK-Geräte sind als Hilfsmittel zur Kompressionstherapie im Hilfsmittelverzeichnis gelistet. Erfahrungsgemäß sind die Krankenkassen mit der Kostenerstattung aber sehr zurückhaltend.

Antibabypille und Lipödem

Hat die Einnahme der Antibabypille einen negativen Einfluss auf das Lipödem oder kann es sogar ein Entstehungsgrund sein?

Dazu gibt es – leider – keine eindeutigen Erkenntnisse. Einerseits gibt es Frauen mit Lipödem, die nach Einnahme der Pille eine vermehrte Schwellneigung bemerken und damit meist auch eine vermehrte Druckempfindlichkeit; das ist aber nur in Einzelfällen so. Es gibt wohl deutlich mehr Frauen, die keine Verschlechterung ihrer Beschwerden durch die Pille bemerken. Andererseits ist es aber auch so, dass im jungen Erwachsenenalter, wenn die Pille erstmals genommen wird, bei vielen Frauen sich auch das Lipödem erstmals bemerkbar macht. Man ist dann geneigt anzunehmen, dass hierbei nicht nur ein zeitlicher, sondern auch ein kausaler Zusammenhang besteht. Praktisch empfiehlt sich dann, einen Eigenversuch zu machen: wenn sich unter 3-6 monatiger „Pillenpause“ die Beschwerden nicht ändern, erscheint ein direkter Zusammenhang mit Pille und Lipödem bzw. Lipödembeschwerden unwahrscheinlich.

Ferner sollte bedacht werden, dass im Klimakterium die Östrogenspiegel deutlich/drastisch sinken; trotzdem bekommen manche Frauen zu diesem Zeitpunkt erstmals Lipödembeschwerden. Bei einem direkten Zusammenhang würde man dies ja nicht erwarten.

Kompressionsversorgung und Sport

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schmeller,
in meinem 15. Lebensjahr bekam ich die Diagnose \"Lipödem\" und bin heute 25 Jahre alt. In dieser Zeit von damals bis heute habe ich mich innerhalb von ca 5 Jahren von 95kg auf 63-65kg (schwankend) gearbeitet. Ich ernähre mich Kohlenhydrate-arm und esse intervall-mäßig. Meine Ernährung ist mittlerweile flexibler geworden, bleibe jedoch dabei und halte mein Gewicht. Jetzt habe ich mit Sport begonnen, wenig Ausdauer, viel Kraft - alles ohne Kompressionsbestrumpfung. Damals mit 15 hatte ich welche verschrieben bekommen und auch Lymphdrainge, jedoch erfolglos. Vor ca. 2 Jahren war ich bei einem Venenspezialisten der mir sagte, dass keine Flüssigkeitsablagerungen bei mir vorhanden wären, was für mich Sinn ergibt da ich noch nie Schwierigkeiten mit Spannungsgefühl, ungewöhnlichen Schwellungen oder extremen Schmerzen hatte. Ich lese immer, dass man beim Sport UNBEDINGT die Strümpfe anhaben muss und dass das Lipödem eine stets fortschreitende Krankheit sei. Durch meine derzeitige Ernährung allein habe ich 3 Hosengrößen verloren und bin sehr viel glücklicher. Ich frage mich daher, ob es noch eine andere Art von Lipödem gibt, ohne Flüssigkeitseinlagerung? Kann es sein, dass ich evtl. eine \"Light-version\" habe? Bei den Armen ist es das selbe. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Wenn nie Schwellungen und Spannungsgefühl bestanden, liegt kein Lipödem, sondern wahrscheinlich eine Lipohypertrophie vor. Hierbei besteht „nur“ eine Disproportion zwischen Ober- und Unterkörper, aber es bestehen keine weiteren Beschwerden und keine Ödeme.

Der Sinn von Kompressionsstrümpfen besteht darin, die Ausbildung von Ödemen im Laufe des Tages zu verhindern oder zumindest zu bremsen. Besonders beim Sport wird aufgrund der vermehrten Durchblutung häufig vermehrt Flüssigkeit in das Gewebe des Beines eingelagert. Damit es nicht dazu kommt, ist die Kompression bei den meisten Sportarten sinnvoll. Wenn allerdings keine Ödemneigung besteht, ist ein Kompressionsstrumpf auch nicht nötig.

Auch bei der Lipohypertrophie sollte ein Normalgewicht angestrebt werden. Allein durch ein deutlich vermehrtes Gewicht – wie bei der Adipositas – können Ödeme auftreten (Adipositas-Ödem und Adipositaslymphödem). Mit Ihrer Bezeichnung „light version“ liegen Sie somit also schon irgendwie richtig. Um ein Lipödem handelt es sich aber bei Ihrem Befund nicht.

Lipödem und Ernährung

Ich habe die offizielle Diagnose Lipödem Beine Grad III und Arme seit Januar 2019. Es fehlt oft Unterstützung durch Arzt. Wurde lange auf Adipositas und Lymphödem behandelt. Richtiger Ausbruch nach Schwangerschaft. Ernährung: was darf ich, worauf lieber verzichten? Appetit und Hunger kaum. Freue mich über Antwort.

Ein Lipödem Stadium III ist ein sehr ausgeprägter Befund. Hier müsste man mehr Informationen haben wie Alter, Größe, Gewicht, genaue Beschwerdesymptomatik, bisher durchgeführte Therapien etc., um Hinweise zu geben. Auch ist bekannt, dass nach Schwangerschaften bei vielen Betroffenen der Lipödembefund schlimmer wird. Wichtig ist aber prinzipiell immer die Gewichtsreduktion. Wie diese im Einzelfall durchgeführt werden soll, sollte mit Spezialisten abgesprochen und regelmäßig kontrolliert werden.

Bezüglich der Ernährung gibt es eine fast unüberschaubare Auswahl an empfohlenen Vorgehensweisen und an Erfahrungen. Einerseits erzählen Patienten, dass sie nach Obst, Gemüse und Salaten eine Besserung Ihrer Schwellneigung und ihrer Schmerzen bemerken, während Kohlenhydrate - insbesondere Zucker - und Fett ungünstig seien. Andererseits gibt es auch Esskonzepte wie die Ketogene Diät, bei der Fette ausdrücklich erlaubt sind. Tierisches Eiweiß wird unterschiedlich beurteilt. Vermehrt erwähnt wird in der letzten Zeit auch das intermittierende Fasten (Intervallfasten).

Auf jeden Fall soll viel Sport gemacht werden, wobei insbesondere immer Schwimmen empfohlen wird.

Lipödem und Schmerzen

Hallo, ich bin 40 Jahre und habe schon seit vielen Jahren schmerzen in den unteren Beinen (gleich über den Knöcheln). Ich trage auch seit Jahren Kompressionsstrümpfe. Diverse Ärzte hab ich auch schon durch ohne wirkliche Hilfe... Dann war ich in Hamburg im Dermatologikum und wurde auf Lipödem aufmerksam gemacht...Nach diversen hormonellen Gründen war / Ist es so schlimm das ich nicht sitzen, laufen geschweige denn einschlafen kann vor Schmerz. Nun bin ich hoch schwanger und habe solche Schmerzen, das ich nicht mehr weiß was ich machen kann??? Ich hoffe Sie haben einen Rat für mich?

Eine derartige Problematik mit solch starken Beschwerden muss ärztlich untersucht werden und individuell betreut werden. Eine Beantwortung der Fragen ist im Rahmen einer allgemeinen Sprechstunde nicht möglich. Wenn alle ambulanten Therapieversuche nicht erfolgreich sind, erscheint ein Aufenthalt in einer Lymphklinik sinnvoll.

Hormone und Lipödem

Hallo Herr Prof. Dr. med. Schmeller, wie in den bereits veröffentlichten Fragen ersichtlich, besteht ein Zusammenhang zwischen Hormonen und dem Lipödem. Was sollte man als Lipo-Lymphödem-Betroffene beachten, wenn man aufgrund einer Endometriose Grad 4 dauerhaft Hormonpräparate einnehmen muss? Hat z.B. die Pille  auch Auswirkungen nach einer Liposuktion auf das Lipödem?

Wie ausgeführt, ist der Zusammenhang zwischen Lipödemen und Hormonen sehr komplex. Bei Endometriose ist das Ziel der medikamentösen Therapie die Ausschaltung der Östrogenwirkung. Dies würde – als Nebenwirkung – das Lipödem ja wohl eher positiv beeinflussen, zumindest wäre das denkbar. Ich weiß aber nicht, ob es dazu Untersuchungen gibt. Wenn die Pille Einfluss auf das Lipödem hat, dann hat sie dies sowohl vor als auch nach der Liposuktion. Nur ist danach die Fettgewebsmenge der Unterhaut deutlich reduziert und – so vermutet man – die wohl meist negative (?) Wirkung der zugeführten Hormone macht sich möglicherweise nicht oder nicht so deutlich bemerkbar.

 

Beste Grüße,
Prof. Dr. W. Schmeller 

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